Vor dem Fenster trifft mein Blick den einer Bachstelze und ich weiß, du bist da. Sie wippt mit dem Schwanz und ich muss beinahe weinen. Denn die Bachstelze bist du.
Ich finde dich in jeder Pflanze in den Bergen. Im Knabenkraut, in der Küchenschelle und vor allem im Taubenkropf.
Wenn ich das nächste Mal in Frankreich bin, wirst du mit mir reisen. Auf den Märkten bummeln und Boule spielen. Und auch wenn ich das wahrscheinlich mit deinem Sohn tun werde, wirst du uns sehen. Du wirst ein Auge auf uns haben.
Du hattest ein unglaubliches Wissen in so vielen Bereichen. Es fühlt sich komisch an, dir kein Foto von einer Pflanze mehr schicken zu können, um dich zu fragen, welche es ist. Ich werde keine Geburtstagskarten, keine Post mehr von dir erhalten. Dich nicht mehr nach Lesestoff oder Stellplätzen fragen können. All das ist endgültig. Diese Möglichkeiten sind zu Ende gegangen.
Ich bin so dankbar für die gemeinsamen Reisen, gemütlichen Weihnachtsfeiertage, persönlichen Geschenke, Spaziergänge, Spiele, jeden Brief und jede Karte. Und für deine warme, herzliche Art. Denn nicht nur dein Wissen war riesig, dein Herz war es auch. Einen Mini-Abschied gab es vor ziemlich genau zwei Jahren schon einmal und ich bin so froh, dass wir den Kontakt trotz der Trennung noch aufrechterhalten haben. Ich bin für so vieles dankbar. Vor allem dich gekannt zu haben.
Heute Morgen sitze ich mit meiner Familie am Küchentisch und ich höre T. sagen „ich möchte allen sagen, verbringt so viel Zeit wie es geht mit euren Eltern.“ Dein Tod regt auf so vielen Ebenen zum Nachdenken an: Was will ich eigentlich im Leben? Mit wem möchte ich Zeit verbringen? Wozu ärgre ich mich über banale Dinge? Zeit mit der Familie ist wichtig, wie kann ich das umsetzen?
Der heutige Nachmittag wird ein schwerer. Voller Trauer im Herzen. Vielleicht wird eine Bachstelze irgendwo sitzen und uns zuschauen. Dann weiß ich, neben all den Menschen, die dich lieben, wirst auch du da sein.
