Intimtalk

Während man – also ich – krank zuhause rumliegt, merke ich erst einmal, wie viel Zeit man hat, wenn man nicht arbeiten muss. Da beschäftigt man sich mit ganz neuen und altbekannten Themen. Mit Themen, die die ganze Menschheit betreffen (z.B. dem Klimawandel) und ganz persönlichen Themen (z.B. die eigene Zukunft). Im Internet findet man ja die dollsten Dokumentationen und mit viel Zeit tauche ich da auch gerne mal ein. So stieß ich zuerst auf eine arte Doku über Kreuzfahrtschiffe. Cool, dachte ich, da leiste ich ja schon mal so richtig meinen Beitrag zum Klimaschutz, denn mich bringt niemand auf so ein Schiff. Wegen der Umweltunverträglichkeit, der vielen Menschen und der hohen See (mir wurde beim Zuschauen schon schlecht von Wellenstärke 8). Trotzdem schaute ich mir die Doku an und war danach noch verstörter als vorher: Schadstoffe, Schiffsunglücke, Menschenmassen in kleinen Hafenstädten. Nichts, was mir eigentlich unbekannt war.

Mit dem Ziel noch mehr Dokus über Klimasünden zu schauen, durchforstete ich die arte-Mediathek weiter. Europa trocknet aus, die ungewisse Zukunft der Wälder, … . Ich scrollte und scrollte. Kinderlos dem Klima zuliebe? Interessant! Los gehts.

In Großbritannien hat sich eine Protestaktion etabliert, die sich Birth-Strike-Movement nennt. Sie alle haben sich entschieden keine Kinder zu bekommen, um ein Zeichen gegen den Klimawandel zu setzen und selbst aktiv zu werden. Immer noch interessant, dachte ich. Denn wer macht sich schon groß Gedanken darüber, wie sich Kinder auf das Klima auswirken? Dabei besagen die Thesen, dass ein Kind 58 Tonnen CO2 pro Jahr produziert. Im Vergleich dazu spart der Verzicht aufs Auto bis zu 5,8 Tonnen im Jahr ein (Quelle DLF Kultur). Ich könnte also auch hier behaupten, besonders klimafreundlich zu leben.

Für mich war schon sehr schnell klar, dass ich keine Kinder bekommen möchte. Schon bevor der Klimaaspekt auftauchte und bevor ich das Argument hinzu kam, keinen kleinen Menschen in diese aktuell aufgewühlte und aufgehitzte Welt zu entlassen. Eigentlich gab es in meinem Leben noch nie einen Punkt, wo ich an dieser Entscheidung gezweifelt hätte. Meine Freunde, die darum wissen, haben immer positive und wertschätzende Rückmeldungen gegeben. „Das muss ziemlich entlastend sein, so etwas schon früh zu wissen. Es fällt der ganze Zeitdruck, etc. ab.“ Anders ist das bei Menschen, die mich nicht so gut kennen, bzw. nicht wissen, dass ich keine Kinder haben möchte.

„Wenn ihr später auch mal ein Kind habt,…“

Und da fängt die Gesellschaft an, mich zu nerven. Wieso wird automatisch davon ausgegangen, dass ich später Kinder haben werde/möchte? Weil ich studierte Sozialpädagogin und approbierte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin bin? Weil ich eine Frau bin? Das alles ist korrekt. Trotzdem verstehe ich den Grund nicht, wieso mir indirekt vorgeschrieben wird, was Bestandteil meines Lebens sein sollte. Dieser Satz mag vor einigen Jahren noch weniger prekär gewesen sein. Heutzutage finde ich ihn fehl am Platz.

„Da merkt man, dass du noch keine Kinder hast.“

Was habe ich denn für Charakatereigentschaften, die sich mit der Geburt meines Kindes ändern? Werde ich meinen Mutterinstinkt auf all meine Mitmenschen ausweiten? Werde ich einfühlsamer gegenüber Eltern, ihren Schwierigkeiten und ihren Alltagsprobleme? Ich will nicht behaupten, dass sich Eltern anstellen oder das sie übertreiben. Aber jede/r hat sich (hoffentlich) selbst ausgesucht Kinder zu bekommen oder nicht zu bekommen. Wer sich dafür entschieden hat, sollte auch die damit einhergehenden Konsequenzen tragen. Mich macht es wütend, dass (hauptsächlich) Müttern so viele Sonderrechte zugeschrieben werden und sie selbst auch davon ausgehen, diese stünden ihnen zu. Achtung, ich komme mit meinem Kinderwagen – Fußvolk, mache Platz. Wenn ich mit meinem vollbeladenen Fahrrad komme, macht auch keiner den Weg frei.

„Wie sieht Ihre familiäre Lebensplanung in den nächsten Jahren aus?“

Nein, das darf in den Bewerbungsgesprächen nicht mehr explizit gefragt werden. Würde ich hier auf diese Frage aber wahrheitsgemäß antworten, würde man mich der Lüge bezichtigen. Männer werden das nicht gefragt oder nur sehr, sehr selten gefragt. Die Angst bei Arbeitgeber:innen schwingt also immer mit. Da sitzt eine Frau Mitte zwanzig bis Mitte dreißig und hat noch kein Kind. Was also ist naheliegender, als das sie zeitnah wegen einer Schwangerschaft ausfällt? Alles ist naheliegender. Frau könnte krank werden, sie könnte sich für einen neuen Job entscheiden, sie könnte umziehen, auswandern oder einfach jahrelang für diese Firma arbeiten.

Dieser Eintrag ist für mich sehr persönlich. Kinderkriegen oder nicht kriegen, sollte immer etwas persönliches sein. Daher ist es auch jede/jedem ihr/sein gutes recht, selbst zu entscheiden. Vor allem möchte ich aber klarstellen: Ich mag Kinder. Vor allem die Minis von meinen Freunden. Ich habe viel mit Kindern gearbeitet und auch in meiner Freizeit immer mit Kinder zu tun gehabt – FSJ in der Krippe, Praktika in Kindergärten, Babysitten über Jahre, Kinderbetreuung auf Hochzeiten gemanaged, bei Treffen mit Th. habe ich seine beiden Jungs bespaßt, mit Le.s Sohn Wettrennen gemacht und Piraten gespielt, ich freue mich immer, die beiden Mädels der Klausi-Gang zu sehen. Kinder sind süß, witzig und anstrengend. Man kann von ihnen lernen und sie können einen den letzten Nerv rauben. Daher bin ich auch froh, dass meine Freund:innen Kinder haben und ich keine.

9 replies to “Intimtalk

  1. Ich beneide dich, dass du diese K-Frage so eindeutig für dich entscheiden kannst. Ich schwanke nach wie vor immer wieder zwischen ja und nein und auch, wenn ich das eigentlich auf mich zukommen lassen will, drängt sich das doch immer wieder in meine Gedanken und ich stricke Gedankenkonstrukte anstatt mich auf hier und jetzt zu konzentrieren.

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    1. Das kann ich sehr gut verstehen, obwohl die Frage für mich so geklärt ist. Das muss ziemlich anstrengend sein. Ich bin mir aber sicher, dass du für dich die richtige Entscheidung treffen wirst (oder sie einfach auf dich zukommen lassen wirst). 🙂

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  2. Oje, waren die ganzen Klima-Dokus nicht sehr frustierend? Ich muss manchmal Nachrichten fasten, weil die Nachrichtenlage (gerade in Bezug auf die Klimakrise) sehr bitter sein kann.

    Ich gebe dir vollkommen Recht, dass alle deine Beispielsätze aus dem aktiven Satz-Wortschatz gestrichen werden sollten. Es gibt einfach hundert Gründe, warum die Frage nach Kindern verletzend oder zumindest übergriffig sein kann.

    So, jetzt aber genug der Worte, ich muss einem vollbeladenen Fahrrad Platz machen.

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    1. Ja, sehr frustrierend 😦 Und da geht es mir wie dir: Ein bisschen Selbstfürsorge muss da ab und zu sein.

      Leider, leider ist das immer noch im Alltag so „normal“. Fragen zu Kinderplanung, Entsetzen, wenn jemand keine Kinder möchte. Das finde ich schade. Aber vielleicht sind wir da ja auf einem Weg in die richtige Richtung.

      Ich habe mich so sehr über deinen letzten Satz gefreut. Der hat mir den Tag verschönert 🙂

      Gefällt 1 Person

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