Allen

Meinen besten Freund kenne ich seit der 7. Klasse. Also dieses Jahr schon 19 Jahre. Das ist länger als mein halbes Leben. Wir sind also im letzten Sommer volljährig geworden und nächstes Jahr können wir 20-jähriges feiern. Früher haben wir nie weiter als 2 km auseinander gewohnt. Abende, Nächte und Morgen miteinander verbracht. Gelacht, Unfug gebaut, angestoßen, gefeiert. Jetzt wohnt er 240 km weit weg. Ich kann und konnte mit meiner Dyskalkulie nie gut rechnen, aber selbst ich merke, dass diese Rechnung zu meinem Nachteil ausfällt. Wenn etwas mehr wird, ist das manchmal doch gar nicht so schlecht: Mehr Geld, mehr Urlaub, mehr Zeit. Nur mehr Kilometer sind nicht gut.

Zur dir, Allen, habe ich die bisher längste Beziehung meines Lebens (abgesehen von der Geschwisterbeziehung zu meinem Bruder). Wir sind zusammen groß geworden und gewachsen. Es gab nichts, was daran rütteln konnte. Nichts, was daran rütteln wird. Du hast mit mir zusammen meine erste Beziehung durchgemacht, den ersten Liebeskummer, kanntest alle Typen die kamen, auch wenn nur aus Erzählungen. Du hast meinen ersten Schulabschluss begleitet und den zweiten gleich mit. Im Studium kurz weg gewesen. Du hast mir nie gesagt, was ich tun und lassen soll, keine „guten“ Ratschläge. Dabei wärest du der Einzige gewesen, von dem ich sie mir angehört und von dem ich sie angenommen hätte . Wir haben gelästert. Haben uns gegenseitig vor anderen verteidigt. Mit Krallen und gefletschten Zähnen. Mehr, als man es für sich selbst getan hätte. Standen füreinander ein. Rückendeckung, wann immer man sie brauchte. Du hättest mich aufgefangen, egal wie tief ich gefallen wäre. Es gab Zeitpunkte, an denen ich mich für dich oder gegen dich habe entscheiden müssen. Ich habe immer dich gewählt. Ich würde es immer noch genau so tun.

Wie oft habe ich damals in der Schule Ausreden für dich gefunden und sie den Lehrern weiß machen wollen. Wie oft saßen wir an Sommerabenden einfach irgendwo im Park mit einer Flasche Wein und guten Gesprächen. Wie oft haben wir uns vor Lachen gekrümmt. Wie oft haben wir Unfug gebaut. Wie oft mit den Augen gerollt, weil uns andere nicht verstanden. Ich mag dich, weil ich mich wie zuhause fühle, wenn du da bist. Egal wo wir sind.

Die vielen Kilometer machen ein gemeinsames Abendessen, einen Ausflug, ein kurzes „ich schau mal eben bei dir vorbei“ nicht mehr möglich. Man sieht sich alle paar Monate mal. Zeit ist rar bei uns beiden. Aber noch immer hat sich an einer Sache nichts geändert: Wann immer ich deine Stimme höre, das Lächeln sehe, einen frechen Spruch gedrückt bekomme, dann bin ich Zuhause – auch wenn die Distanz zwischen uns weit ist. Ein halbes Land liegt zwischen uns. Ein Steppenland, in dem nichts zu holen ist.

Im Herzen bist du ganz nah, Allen. Jeden Tag und immer. Egal, ob wir uns sehen, telefonieren oder alle zwei Wochen mal eine kurze Signal-Nachricht austauschen. Updates sind goldwert, denn dann weiß ich, dass es dir gut geht. Oder eben nicht, aber dann immerhin auch warum. Diese abgeschwächte Version von uns wird hoffentlich auch in naher Zukunft wieder zu einer vollständigen.

Danke, für all die Ratschläge.
Danke, für die 19 Jahre Freundschaft.
Danke, fürs immer dasein, wenn ich dich brauche.
Danke, für alles, aber vor allem: Danke, dass du mein bester Freund bist.
Cheers! Auf eine Freundschaft, die hoffentlich auch noch bis ewig hält.

6 replies to “Allen

  1. So lange Freundschaften sind einfach toll! Meine beste Freundin und ich haben zuerst im selben Dorf gewohnt und schließlich 5km. Dann bin ich nach Rostock gegangen, nach Lübeck, nach Hamburg. Und sie ist lediglich direkt nach Lüneburg gezogen. Die Kilometer sind immer weniger geworden zwischen uns und jetzt bin ich zurück. Jetzt sind es nur noch 2km, weil S. zufällig auf der gleichen Ecke wohnt.
    In 2 Wochen „feiern“ wir 22 Jahre Freundschaft und ich kann mir ein Leben ohne sie überhaupt nicht vorstellen.

    Euch wünsche ich sehr, dass die Entfernung nicht zu viel ändern wird. Aber aus dem was du schreibst, bin ich mir da sehr sicher 😊

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  2. Was für eine schöne „Liebeserklärung“!
    Nach vier Jahren habe ich letztes Wochenende eine großartige Freundin aus der Uni-Zeit wiedergesehen. Einen ähnlichen Text könnte ich über sie schreiben… vor allem das mit dem gemeinsam lachen 🙂

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