Abschied

Abschied heißt für mich traurige Gesichter ziehen, Umarmungen, nette Worte finden und die gemeinsame Zeit noch einmal erinnern. Dieses Jahr ist alles anders. Gestern hatte ich meinen letzten Arbeitstag vor dem Urlaub und somit auch den letzten Arbeitstag in diesem Jahr. Das bedeutet gleichzeitig, der letzte Arbeitstag an meinem alten Arbeitsplatz, bei meinem alten Arbeitgeber.

Die Klinik ist nun seit mehr als 6,5 Jahren mein Arbeitgeber gewesen. Drei Abteilungen habe ich durchlaufen. Ganz frisch von der Uni mit meinem Bachelor, bin ich für meine staatliche Anerkennung in die Psychiatrie. Schon vorher war mir klar, dass das eine gute Entscheidung war. Ich habe mich auf meiner Station wohlgefühlt. Ärzte, Psychologen, Pflege, alle waren nett und irgendwie wuchsen wir beinah zu einer kleinen (Arbeits-)Familie zusammen. Freundschaften wurden geschlossen. Die Liebe kurzzeitig gefunden.

Nach 2 Jahren wechselte ich in die Neurologie. Weniger mit Spaß an der Sache, sondern viel mehr, weil hier die Freiheiten und Flexibilität der Arbeitszeiten einfach besser waren. Ich begann meinen Master parallel und hatte wohl die kräftezehrendsten Jahre in meinem ganzen Leben. Morgens in die Arbeit, pendeln nach Nordhausen, Vorlesungen, pendeln nach Hause und das fünf Tage die Woche. Als mein Master rum war, war ich platt und gleichzeitig sehr froh. Nahtlos wechselte ich in die Kinder- und Jugendpsychiatrie – zurück zu den Wurzeln quasi – und startete parallel meine Weiterbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie blieb ich 2,5 Jahre. Wahrscheinlich wäre ich sogar auch noch länger geblieben. Die Arbeit dort machte mir bis zum letzten Tag Spaß. Mein Team war einfach nicht zu übertreffen. Doch dann kamen die Wechsel. Unsere Oberärztin verließ die Klinik und es folgte jemand neues. Seitdem ging ich nicht mehr gerne zur Arbeit. Die PatientInnen kamen nicht mehr so gerne in die Klinik, wie vorher. KollegInnen verließen uns. Und irgendwann dann auch ich. Der Entschluss wuchs in mir heran. Einerseits fiel es mir schwer, der neuen Stelle zuzusagen. Zu lange war die Klinik meine Arbeit. Aber gleichzeitig freue ich mich jetzt auch einfach auf neues. Und für ewig wäre die Klinik so oder so nicht gewesen, spätestens nach der Weiterbildung wäre Schluss.

Gestern also gemeinsame Zeit erinnern und ein halb trauriges Gesicht ziehen. Aber keine Umarmungen. Nur ein kurzes Sit-In im Zimmer, zur Geschenkeübergabe. Zu viele Leute dürfen nicht dabei sein. Ich muss sagen, ich war fast froh, dass es so ablief. Mir ist zwar dadurch weniger bewusst, dass es dieses Kapitel nun abgeschlossen ist, aber andererseits musste man nicht jeden Hinz und Kunz verabschieden. Ich habe mich also beinahe heimlich aus der Klinik geschlichen. Bei den Leuten, die mir ans Herz gewachsen sind, die sind sowieso nicht aus der Welt.

Besonders gefreut habe ich mich gestern über die lieben Worte und über das tolle Abschiedsgeschenk. Meine Kollegen und Kolleginnen haben unter der Anleitung meiner engsten Kollegin und Freundin einen Bulli-Survival-Koffer für mich zusammengestellt. So viele tolle Sachen sind dadrin! Ich kann es kaum erwarten, bis die Tage wieder wärmer werden, der Corona Spuk ein Ende hat und man endlich, endlich wieder verreisen kann.

8 replies to “Abschied

  1. Ich wünsche dir alles Gute für deine neue Stelle und dass du dort genau so nette Kollegen und Kolleginnen triffst und vor allem wieder gerne zu Arbeit gehst! Das ist so wichtig, nimmt die Arbeitszeit ja doch einen großen Teil vom Leben ein.
    Deinen Wehmut kann nachfühlen. Als ich die Stelle bei der Uni gekündigt habe, ist auch so ein großes Kapitel zu Ende gegangen. Schließlich war ich mit Studium und der Mitarbeiterstelle dort insgesamt 8 Jahre. Als ich den Flur vom Büro dann zum letzten Mal lang gegangen bin, kamen da ein paar Tränen, sowohl traurige, aber auch freudige.

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    1. Ich werde in meinem Ausbildunginstitut mit einer halben Stelle anfangen. Dann habe ich alles an einem Ort: Vormittags Verwaltung und Betreuung der Ausbildungteilnehmer, nachmittags meine eigenen Patienten. Kein Weg mehr dazwischen 🙂
      Ich freu mich drauf.
      Lieben Dank! Und ganz ❤ – liche Grüße!

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