Aussortiert

Bekanntlich fallen mir soziale Interaktionen schon seit eh und je schwerer, als anderen Menschen. Zu viele Gedanken kreisen dann um Sinn, Gerechtigkeit, etc. In letzter Zeit werde ich immer häufiger von Bekannten gefragt, ob wir uns nicht mal wieder auf einen Kaffee treffen wollen. Ich komme ins Straucheln und Nachdenken. Denn eigentlich treffe ich mich gerne mit Menschen, die ich kenne. Allerdings überlege ich immer häufiger, was für einen Nutzen ich aus diesen Begegnungen ziehe.

Ich bin im Oktober mehr in der Arbeit, als Zuhause gewesen. Jeden Tag von 7:30 Uhr bis spät in der Klinik und montags sowie mittwochs habe ich mir noch babysitten aufgehalst. Das hat zwar Spaß gemacht, kann ich aber so nicht weiter tragen, insofern ich irgendwann auch noch mal etwas für mich tun will. Die viele Arbeit und die wenige Freizeit bringen mich daher ins Grübeln.

Wenn dann mal ein bisschen Zeit ist, so wie jetzt am Wochenende, dann treffe ich mich doch lieber mit Leuten, die mich wieder zurück in die Bahn bringen. Zum Beispiel mit meiner Familie auf ein Stück Kuchen, mit Herrn Löwenkopf zum Kochen oder mit einer Ausbildungsfreundin auf einen Kaffee. (Ihr lest: Essen bedeutet ebenfalls Quality-Time für mich.) Und dann kommen Bekannte und fragen nach einem Treffen. In mir steigt die Ambivalenz. Einerseits bin ich geschmeichelt, denn ich scheine zu den „coolen Kids“ zu gehören. Die, die früher auf Geburtstage eingeladen worden und im Bus auf der hintersten Bank saßen. Andererseits habe ich kaum Freizeit und kann zudem noch schlecht ablehnen.

Vor einiger Zeit war ich mit zwei alten Schulfreunden unterwegs. Wir saßen eine halbe Stunde zusammen und diese 30 Minuten haben mir gereicht, um für mich zu entscheiden, das ich auf einem anderen Level schwebe. Ich will mich nicht höher oder tiefer stellen, nur anders. Meine Probleme sind anders. Meine Sorgen sind nicht, ob die neuste Instagram-Story auch richtig hochlädt. Ich würde mir kein Smartphone finanzieren. Ich bin keine Influencerin. Wenn ich von der Arbeit komme, drehen sich meine Gedanken meist um die Kids, mit denen ich heute gesprochen habe. Oder ich durchdenke meinen Terminplaner noch einmal, um nichts zu vergessen. Oder, ob ich alles richtig mache – im echten Leben und nicht in den sozialen Medien.

Ist es legitim Freundschaften auszusortieren wie Klamotten aus dem Kleiderschrank? Brauch ich nicht mehr, fühle ich mich nicht mehr wohl mit, weg damit. Darf man sowas? Und wenn ja, wie geht das?

10 replies to “Aussortiert

  1. Klar ist das legitim. Menschen entwickeln sich doch oft in völlig unterschiedliche Richtungen. Dann hat man irgendwann einfach keine Berührungspunkte mehr, die Prioritäten sind ganz anders, warum sollte man dann keine Freundschaften einschlafen lassen? Daran ist nach meinem Empfinden gar nichts Schlimmes, das ist einfach dem Lauf der Zeit geschuldet.
    Genau so wie man den Kontakt zu ehemaligen Freunden verliert, findet man doch auch neue Menschen, mit denen man gern Zeit verbringt, sich austauscht, diskutiert, ins Kino geht, kocht, etc. Ich finde das vollkommen normal. Some you win and some you lose.

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      1. Ja, vielleicht. Es ehrt dich aber auch, dass du dir diese Gedanken machst. Du hinterfragst Dinge, bei denen du dir nicht sicher bist, und das ist eine gute Eigenschaft. 😉

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  2. Ich habe gar keine „Bekannten“ im eigentlichen Sinne. Menschen, mit denen ich mich treffe, Zeit verbringe, sind IMMER mehr als Bekannte.

    Wenn ich mich treffe (Du weißt, auch meine freie Zeit ist sehr, sehr knapp bemessen), dann möchte ich sein dürfen, wer ich bin. Es müssen nicht jedesmal bierernste Tiefengespräche sein, die dann stattfinden. Aber das Gefühl, mich heimisch zu fühlen, sagen zu können, was mich bewegt, was ich denke, angenommen zu sein, das ist für mich während dieser kostbaren Zeiten sehr wichtig. Derartige Treffen haben immer eine Atmosphäre, die ich sonst nicht finde aber oft vermisse, nach der ich mich sehne.

    Menschen, die mir diese Atmosphäre vermitteln, schenken, mit denen ich sie teilen kann, so dass es wirklich ein Geben und Nehmen ist, mit denen mag ich mich treffen. – Leider habe ich nur wenige solcher Menschen und , noch mehr leider, wohnen sie alle nicht bei mir hier um die Ecke. – Aber das ist mir iun gewisser Weise egal – ich würde und kann dennoch nicht „Bekanntschaften“ pflegen – ich muss es dann halt arrangieren, dass ich auch längere Zeit allein zurechtkomme. Seit es da zwei, drei Menschen gibt, die ich anrufen darf (wie sie mich auch), hilft das als Brücke, denn auch diese Austausche sind schön und besonders.

    Eine andere Sache ist, offen zu bleiben, dass vielleicht noch die eine oder andere Freundschaft entsteht. Zeit dafür, will ich nach wie vor finden können, auch wenn sie an sich so sehr knapp ist …

    So schaut es bei mir aus – ich habe das etwas ausführlicher geschrieben, weil ich denke, dass Dein Überdenken, Dein Entscheiden, dieses Thema betreffend, ähnlich dem ist, wie es bei einmal begonnen hat.

    Ich sehe daran nichts Verwerfliches.

    Ganz liebe Grüße, liebe Ines. (Mit Dir wollte ich schon so lange mal einen Tee trinken, irgendwie ahnend, dass es dann mehr werden könnten … 😉 eben im Sinne von mehr als „Bekanntschaft“, von Freundschaft.)

    💙🍁🌟

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    1. Danke, für diesen lieben Kommentar. Bei mir ist es irgendwie anders. Ich kenne ziemlich viele Leute, aber dann hört es auch schon auf. Zu Bekannten kann ich daher eine ganze Menge zählen, zu Freunden hingegen zähle ich auch nur wenige Menschen.

      Und dadurch, das ich so viele Menschen kennenlerne und treffe, brauch ich die Zeit mit den wichtigen Menschen, all den wirklich echten Freunden auch so sehr.

      Du hast Recht – bei uns bei beiden habe ich auch schon immer ein gutes Gefühl gehabt. 🙂

      Ganz liebe Grüße und ein hoffentlich schönes Wochenende!

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  3. Ich denke das tun wir immer. Wir treffen auf Menschen in verschiedenen Phasen unseres Lebens (ob wir sie Freunde oder Bekannte nennen ist egal) und wenn sich unsere Phase ändert ändert sich auch ein Teil unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Es gibt nur ganz wenige Menschen die ich als Freunde bezeichne und das sind meistens Menschen die ich schon seit Kindheit kenne. Mit denen brauche ich auch nicht ständig im Kontakt sein, selbst wenn wir ein Jahr lang nicht gesprochen haben funktioniert es sofort wieder.

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