Frankreich Begegnungen, Teil I

Der Tag war einer dieser Samstage, an denen der Strand nicht allzu gefüllt war. Es waren zwar Badegäste auf dem Sand unterwegs, aber sie trauten sich nicht wirklich ins Wasser. Wahrscheinlich lag es am Wind. Esmée, Louise und Quentin war es recht. Mittlerweile war der Abend schon fortgeschritten und sie hatten sich dazu entschlossen, vor ihrem Rettungsschwimmerhäuschen, noch eine Runde Stadt, Land, Fluss zu spielen. Esmée beobachtete noch die Badegäste, während Louise nach einem funktionsfähigen Stift für sich suchte. Gerade eben war noch zwei Leute ans Wasser getreten. Hatten sich zielstrebig die Klamotten ausgezogen und waren an der Wasserkante stehen geblieben. Ganz eindeutig Touristen. „Okay, jetzt können wir loslegen. Auf die Plätze fertig los.“ Louises neuer Stift hatte sie zu Höchstleistung angeregt. Schon nach kürzester Zeit rief sie Stopp. Die beiden Touristen waren derweil schon ins Wasser gestiegen und ließen sich treiben. Die drei Rettungsschwimmer hatten sie, trotz ihres Spiels, im Blick. Gerade als Quentin bei „Badeaccessoires“ mit „Bier“ antwortete, stiegen sie wieder aus dem Wasser und trockneten sich in Windeseile ab. Der Wind wird sie dazu gebracht haben, möglichst schnell zu machen. „Bier gilt nicht“, merkte Louise an, „was hast du?“ „Badeschuhe“ antwortete Esmée und lächelte den Touristen zu, als sie den Strand verließen und ihre nassen Badeschuhe eine tropfende Spur über den Sand zogen.

Marie hatte Hunger und jetzt stand sie in diesem nervigen Stopp and Go Stau, weil die Leute es wieder nicht schafften an der Spursperrung den Reißverschlussverkehr hinzubekommen. Sie beobachtete die Leute in den anderen Autos. Wahrscheinlich waren sie auch alle gerade auf dem Weg nach Hause, endlich aus dem Büro raus. Vielleicht hatten sie auch alle leere Mägen. Neben ihr tauchte ein Dacia auf, in dem zwei junge Männer saßen und offenbar laut ihre Musik mitsangen. Dann folgte ein Renault. Die Frau telefonierte mit Handy in der Hand. Marie rollte weiter, überholte den Renault und Dacia und schaute in den Nissan mit deutschem Kennzeichnen. Am Steuer saß eine blonde Frau und schaufelte sich Chips in den Mund. Eine Frechheit, fand Maries Magen. Neben ihr saß ein dunkelhaariger Typ im Sitz versunken, die Beine auf dem Airbag und im Handy vertieft. Seine Beine werden es ihm danken, wenn die einen Unfall bauen, dachte Marie und schlängelte sich im Verkehr weiter voran.

Brian hasste die Mautstationen in den Ländern, wo man rechts fuhr. Frankreich war so ein Land. Er fuhr langsam an den Automaten heran und hoffte, dass der kleine Camperbus hinter ihm nicht so ungeduldig war. Er konnte sich vorstellen wie die Leute sagten: „Oh nee, der hat’s vercheckt, jetzt steigt der Beifahrer aus!“ Brian war aber nicht der Beifahrer. Er hatte auch keinen Beifahrer dabei, der das Bezahlen für ihn übernehmen konnte. Also öffnete er die Fahrertür, stieg aus, lief um sein Auto herum, bezahlte, lief zurück. Er hob kurz entschuldigend die Hand an die Insassen des Nissans hinter ihm, doch die wirkten entspannt. Die Schranke stand offen, als er sich hinter den Rechtslenker setzte und los fuhr. Im Rückspiegel ging die Schranke wieder zu und er sah noch, wie die Frau am Steuer des Vans sich abschnallte, um das Ticket an die Mautstation zurück zu geben. So hatte jede:r irgendwie seine Probleme.

Claire lief mal wieder voran. Raphaël und Jean folgten ihr. Die beiden unterhielten sich über Häuserkäufe, was Claire wirklich nicht interessierte. Ihr Rundgang führte sie auch an diesem Morgen über die Holzstege des Naturschutzgebietes und am Strand entlang zurück. Es würde nicht viel zu sehen geben, die Küstengrenze musste trotzdem einmal abgegangen werden. Claire entdeckte zwei Menschen auf dem Holzsteg weiter vorne. Sie blieben ständig stehen, hoben ihre Ferngläser und Kameras und schlichen quasi durch die Dünenlandschaft. Sie hatten schon einen sehr schönen Arbeitsplatz, wenn sie ihren Rundgang früh morgens, in der aufgehenden Sonne machten. Vor allem, wenn es keine Zwischenfälle gab. Es gab wesentlich schlimmeres. Claire schob ihre Hände in die Schutzweste über ihrer Brust. „Bonjour!“, grüßte sie die beiden Touristen, zu denen sie nun aufgeschlossen hatten. Mit deutschem Akzent grüßten sie zurück. Jean und Raphaël waren nun dicht hinter ihr. Durch das Gespräch ihrer Kollegen konnte sie trotzdem hören, wie der Mann sagte: „Krass, dass die sogar Pfefferspray und eine Pistole tragen. Was sie wohl suchen?“ Claire fragte sich das manchmal auch.

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