Morgenstund

M zieht den Vorhang auf. Grau. Eine echte Suppe. Das gleiche wie am Freitagmorgen. Ich bin fast daran, mich unter meiner dicken Deckenschicht zu vergraben und der Wärme nachzugeben. Aber nur fast. Und doch brauche ich heute lange, um in den Quark zu kommen. Ziehe eine Schicht nach der anderen an, während M schon längst nach draußen verschwunden ist. Der Tee wartet in meiner Rucksackseite.

Auf dem Weg zu unserem Treffpunkt bleibe ich stehen. Höre, wie die Vögel überall erwachen. Mache Videoaufnahmen vom Gesang und der Stille. Warum ich plötzlich so viele Videos drehe, weiß ich auch nicht. Aber mir gefällt es dann doch ab und zu nochmal nachzuhören.

Wieder ist alles weißgrau. Wieder verlieren sich die Farben im Nebel. Wieder sind die Bäume in Frost getaucht, der Fluss zugefroren, die Enten ratlos. Wieder bin ich unterwegs, doch dieses Mal mit sehr viel mehr Zeit. (Falls ich bei den -21 Grad nicht vorher erfriere.) Ich komme bei meinem Baum an – ja, es ist mittlerweile meiner und zücke nach den ersten geschossenen Fotos meine Teetasse. Es wird Zeit der Kälte entgegen zu wirken.

Wir laufen und laufen. 4,5 Stunden sind wir unterwegs. 12 km Weg. Frost, Schnee, Eiseskälte. Aber dann irgendwann lichtet sich der Nebel nach und nach und der Morgen schenkt uns ein Kunstwerk. Bei dem Anblick werden gefrorene Gliedmaßen kurzweilig ignoriert. Es ist zu mystisch. Es ist zu schön.

Mit jeder Minute ändert sich das Bild. Mal hier Nebel, mal dort. Mal schaut die Sonne durch, dann ist alles wieder grau. Der Frost zaubert zusätzlichen Glanz. Und dann sehe ich die Bienenkästen und ich frage mich, ob sie der Kälte trotzen werden. Wie halten sich Bienen warm genug? Es gibt noch so viel zu lernen.

Nicht nur die Bienchen haben es kalt. Auch die Vögel suchen nach Futter. Während Amsel und Amselrich bei uns auf dem Balkon immer etwas finden, fliegen die Spatzen und Stieglitze in die vertrockneten Sonnenblumenfelder. Hier ist der Tisch gedeckt. Dick aufgeplusterte Federbälle sind zu sehen und lautes streiten und trällern sind zu hören.

Das war ein Morgen, wie er sich schöner nicht zeigen konnte. Manchmal ist die Skepsis anfänglich sehr viel größer, als die Lust aufzustehen. Aber die Sachen zu packen, sich selbst einzupacken, Tee zu trinken und die Stille bzw. die Natur erwachen zu hören – dafür lohnt es sich immer.

13 replies to “Morgenstund

      1. Das fürchte ich halt auch, daß wir hier lange, lange drauf warten müssen. Ich glaube, die Fotos sind ganz okay geworden, das hätte neulich gern mehr Sonne sein dürfen bei uns.

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