Nur Nähe

Fliegend durch die Nacht. Auf endlosen, beleuchteten Straßen. Mein Fahrrad kennt den Weg zu dir. Ich nicht mehr. Die Nacht ist zu weit vorangeschritten. Der Alkohol lässt mich schwanken. Der Sturm packt mich von der Seite. Er will mich samt Rad vom Weg abbringen. Keiner schafft das jetzt noch. Wie ein Magnet zieht mich deine Wohnung an. Du ziehst mich an.

Nie wieder! habe ich mir für immer geschworen. Für immer wird immer kürzer.
Bloß nur noch mal kurz zum Reden vorbeifahren. Allerhöchstens. Auch wenn du gar nicht reden willst. Dich einfach nie wiedersehen. Damit ich vergessen kann. Abschließen. Dich endlich, endlich hinter mir lassen. Auf keinen Fall wieder Nähe zulassen. Denn ja verdammt, die Zeit heilt irgendwann alle Wunden. Nur noch mal kurz reden. Nur ein paar Wörter wechseln. Sagen, was mir das bedeutet hat und das es mir Leid tut, dass es dir nicht so ging. Auch, dass ich dich nicht von mir überzeugen konnte. Nur kurz reden.

Drei Stunden zuvor. Ich wusste du würdest an diesem Tisch sitzen, wenn ich in die Bar komme. Nichts, wirklich nichts hätte mich darauf vorbereiten können, dich nach drei Wochen wiederzusehen. Dieses Lächeln, dein Blick für mich und deine Locken, die dir noch immer wirr in alle Richtungen vom Kopf abstehen. Wie gerne war ich durch diese Haare gefahren. Es war kein anderer Platz frei-ich ließ mich direkt in deinem Blickfeld nieder, gegenüber.

Der Abend wurde später. Ich trank meinen Wein so schnell, wie schon lange nicht mehr. Unser Kollege beäugte uns, wartete auf irgendeine Reaktion. Einen Verrat unseres offenen Geheimnisses. Mein Blick wanderte lieber zu ihm als zu dir. Da gab es nicht zu befürchten. Hier war ich auf der sicheren Seite. Zwei Sekunden mal mit den Augen nach links geschweift und schon war ich verloren. Nach Atem ringend, innerlich explodierend. Es war aussichtslos.

Nur mal kurz zum Reden. Wir sprachen kaum ein Wort. Die Nacht verflog. Stunde um Stunde hörte ich deinen Atem. Jede Minute versuchte ich mir ins Gedächtnis einzubrennen. Der Morgen kam zu schnell. Mit ihm die Realität. Keine Chance, dass mit Worten zu klären. Keine Chance, dass ich mir irgendwann sage: Reiß dich zusammen. Such dir wen anderes. Lass ihn endlich zurück und bring dich in Sicherheit.

Jedes Mal, wenn ich deine Wohnung verlasse, greift eine eiskalte Hand nach mir. Es ist nicht der Nebel, der morgens in der Luft liegt. Es ist die Angst. Die Angst davor, dass das nun das letzte Mal war. Das mein Nachhauseweg eine Einbahnstraße und das nun das Ende ist. Auch jetzt wieder umklammert sie mich. Seit ungezählten, langen Stunden. Denn ich kann nicht mit dir, aber noch weniger ohne dich. So würde ich mir lieber das Bett mit einem Lügner teilen, als alleine schlafen zu müssen.

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