Dies ist wohl der emotionalste, offenste und privateste Eintrag, den ich in meiner ganzen Schreibzeit geschrieben habe. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Eintrag hier veröffentliche, aber es gibt bisher viel zu wenig „Erfahrungsberichte“ über solche Situationen im Internet. Und ich möchte damit den Frauen einen kleine Unterstützung bieten, die bei der vielleicht wichtigsten Entscheidung ihres Lebens keine oder unzureichende Unterstützung haben. Mir ist auch bewusst, dass viele Leser*innen nach diesem Text ein komplett anderes Bild von mir bekommen werden. Vielleicht werden sich einige Menschen abwenden, weil sie meine Entscheidung nicht verstehen, nicht nachvollziehen oder gutheißen können. Wenn dem so sein sollte, bitte ich darum zu bedenken, dass hinter meinem Text eine Person steht, die du nicht kennst. Daher wäre ich sehr dankbar, wenn du dich von voreiligen Schlüssen oder Vorurteilen befreien könntest und vor allem, wenn du deine negativen Gedanken und/oder Hasskommentare für dich behalten könntest. Vielen Dank.
6. SSW
Mittwoch, 09.04.2025. Ich stehe vor dem Spiegel und kämme mir die Haare. Mein Timer klingelt los. Ich greife nach dem Test, will ihn eigentlich schon wegwerfen, halte inne. Da sind zwei Linien. Sah das nicht sonst immer anders aus? Hektisch falte ich die „Bedienungsanleitung“ auseinander. Was zum Fick. Der Test ist positiv. Ich lege ihn einfach wieder zurück, ziehe mich an, gehe zur Arbeit.
Während der Mittagspause kaufe ich mir einen neuen Test. Führe ihn am Nachmittag noch einmal durch als ich nach Hause komme. Obwohl man bei Unsicherheiten 3 Tage warten soll. Mit dem gleichen Ergebnis. Wieder zwei Linien. Meine Hand legt sich instinktiv auf meinen Bauch, obwohl da ja noch gar nichts zu fühlen ist.
Ich bin seit 6 Tage überfällig. Habe mir eingeredet, dass das vom Stress kommt, wegen der Trennung von M³. Habe das öfter in Stressphasen. Aber dieses Mal ist es nicht der Stress. Dieses Mal ist es der kleine Salamander, der da in mir heranwächst. Warum ich den Zellhaufen in mir als kleinen Salamander bezeichne? Ich habe natürlich im Internet zu viel recherchiert. Und zunächst sehen Föten wegen ihres Schwanzansatzes eher wie ein kleiner Salamander als ein Baby aus.
Das erklärt so vieles. Also nicht die Salamanderform, sondern die Schwangerschaft. Vor allem, warum es nach den zwei Wochen Trennung nicht besser wurde, sondern emotional immer schlimmer. Warum ich mich so schlapp und müde gefühlt habe und beim Sport keine Leistungen mehr bringen konnte.
Das war nie mein Wunsch. Ich wollte nie Kinder. Ich habe es gestern M² erzählt, weil ich es mit jemanden teilen musste, der mich schon lange und gut kennt. Gemeinsam überfordert sein, fühlt sich erleichternder an als alleine. Ich will es dem Vater nicht sagen, aber ich weiß, ich muss. Es folgte eine lange Recherche über Vaterschaftsanerkennungen mit Einklagen des Unterhaltes. Denn ich weiß: Er wird kein Interesse an dem Kind haben. Disharmonie zwischen den Elternteilen, Achse 5 des MAS. Wie oft habe ich das in der Arbeit bei Kindern schon eingetragen und dabei gedacht „können die sich nicht wie zwei erwachsende Menschen mal zusammenreißen?“.
Ich weiß nicht, ob ich bereit bin Mutter zu werden. Den Tag über kann ich mich damit arrangieren. Nachts holen mich die Ängste ein. Nachts arbeitet das ganze Gefühl gegen meine rationale Verkopftheit an. Ängste. Finanzielle, aber vor allem auch, das meine Freiheit eingeschränkt wird. Ich kann nicht eben einfach mal über das Wochenende wegfahren. Ich kann nicht einfach eben mal raus zum Bouldern. Es klingt so wahnwitzig egoistisch. Ich habe scheiß Angst vor der Geburt. Es ist so viel Verantwortung, die ich ab jetzt tragen muss. Mit einem guten Netzwerk ginge das bestimmt. Meine Familie wohnt 550 km weit entfernt, meine Freund*innen sind in ganz Deutschland verteilt, der Vater des Kindes steht nicht zur Verfügung.
7. + 8. SSW
Der Vater weiß es jetzt. Und in meinem Körper verändert sich so viel. Es ist ein Wechsel zwischen kotzübel und Heißhungerattacken. Totale Erschöpfung überkommt mich und nachts liege ich immer um 3 Uhr und um 5 Uhr mind 30 Min. wach. Es wissen jetzt genau drei Menschen von dem kleinen Punkt in meinem Bauch. M³, M² und Allen. Die Reaktionen verliefen zuerst immer gleich: Schock. Dann gingen sie bei allen dreien irgendwie ziemlich auseinander.
Gestern war der erste Ultraschall. Ein kleiner, heller Punkt in einem dunklen Bild. 3 mm groß, mit Herzschlag. Ich realisiere nicht, dass dieses krisselige Bild auf dem Monitor irgendwas mit mir zu tun hat. Schon gar nicht, dass das in mir drin passiert. Zuhause schaue ich mir das Bild nochmal an. Irgendwie kommt sowas wie Aufregung in mir auf. Allerdings weiß ich nicht, ob positive oder negative.
Meine Einstellung zu diesem Minimensch in mir ist in den letzten Tagen stündlich gewechselt. Von „ich kann’s mir eigentlich ganz gut vorstellen“ zu „auf gar keinen Fall“ und wieder zurück. Das hat mich selbst noch müder gemacht als ich es eh schon war. Zwei weitere Leute wissen nun ebenfalls davon. Beides Mütter. Ich glaube, es war eine gute Idee mal Frauen einzuweihen und nicht nur Männer nach ihrer Meinung zu fragen.
Außerdem hatte ich heute das Schwangerschaftskonfliktberatungsgespräch. Theoretisch könnte ich die Schwangerschaft, nach 3 Tagen Bedenkzeit, abbrechen. Es fühlt sich aber im Moment noch nicht richtig an. Auch wenn ich weiterhin eine riesige Angst davor habe, mein Leben aufzugeben.
Ich gebe mir ein bisschen Bedenkzeit. Ab morgen bin ich sowieso erst einmal für eine Woche Radfahren. Danach treffe ich die Entscheidung, denn so viel Zeit wird mir nicht mehr bleiben.
Fortsetzung folgt.
April 2025