Leidenschaften und andere Tätigkeiten

Blättere die Seite meines Buches um.
– Kennst du irgendwelche Sternbilder?
Ein Kopfschütteln. Versinke wieder in den Zeilen. Schaue mir auf dem Handy am nächste Tag Pegasus an. Und Kassiopeia.
– Hast du den Merkur gesehen?
– Nein, konnte nicht auf den Horizint schauen.
Schaue am Abend in den Himmel hinauf. Erkenne den großen Wagen. Sehe die Venus. Blicke auf den Mond mit dem daneben hellleuchtenden Jupiter. Sirius, Mars, Orion. Und verliere mich im Nachthimmel. Verliere mich in der Milchstraße.

– Was ist das für ein Vogel?
– Ein Bussard.
– Der holt mir immer die Hühner weg.
Hebe das Fernglas an die Augen. Schließe die Augen, beim melancholischen Lied der Misteldrossel.
– Im Schopf hat der NABU einen Kasten für die Eule aufgehangen.
– Was ist es für eine Eule?
– Woher soll ich das wissen? Das ist doch deine Aufgabe.
Liege morgens im Bett, werde von den Vogelstimmen geweckt. Sitze in der Arbeit, konzentriere mich mehr auf das singende Rotkehlchen, als auf meinen Gesprächspartner. Fahre mit dem Fahrrad und schmunzle über die laut singende Amsel, die auf ihrer immer gleichen Stelle sitzt. Jeden Morgen wieder. Jeden Morgen das schönste Lied. Lächle, sobald ich Vögel sehe oder höre. Schreibe mir auf, welche Beobachtungen ich gemacht habe.
– Mein Papa hat diese Vögel heute im Garten fotografiert. Ich habe auf Dompfaff getippt, war aber falsch. Weißt du, was das für Vögel sind?
– Das sind Bergfinken.
Komme mir manchmal seltsam vor, wenn ich irgendwo in der Pampa mit Fernglas stehe und beobachte. Könnte trotzdem stundenlang da stehen.

– Das ist so morpho. Das ist viel zu weit. Schaffe ich nicht!!
– … oder du machst was falsch. Finde die Position.
Spüre den rauen, scharfkantigen Fels an meinen Händen. Genieße die Bewegung des Körpers. Stoße mir das Knie am Stein. Stolpre hinter den Jungs her. Bleibe mit dem Pad zwischen zwei Felsen stecken. Liege auf der Matte und schaue in den Himmel.
– Starke Bewegung. Schön gebouldert.
Fühl mich gut, aber schwach. Noch immer viel zu schwach. Im Körper, aber auch weil ich der Sucht nicht widerstehen kann. Muss hier raus an den Stein, obwohl ich eigentlich mal Ruhe brauche. Muss hier draußen sein und mich bewegen. Werde dadurch vielleicht ein bisschen stärker im Bizeps. Vielleicht auch ein bisschen im Herzen.

– Muss noch in die Bib. Komme später.
Ha, den kenn ich doch schon, denke ich, als ich dem Mitarbeiter meine Bücher über den Tresen schiebe. Er kennt mich mittlerweile auch schon, da bin ich mir sicher. Bücher in der Fahrradtasche nach Hause transportiert. Immer direkt erst einmal die erste Seite aufschlagen, einmal den ersten Satz lesen. Am liebsten draußen. Egal wie kalt es ist. Habe das Buch immer dabei. Auf der Terrasse, im Camper, auf dem Crash Pad. Manchmal sogar beim Spaziergang. Egal, wie müde ich abends bin, eine Seite muss immer gelesen werden. Mindestens eine. Brauche das echte Buch, das Gefühl von Papier zwischen den Fingern. Verschwinde in fiktive Welten. Verschwinde zwischen den Zeilen.

Und dann gibt es da noch so viel mehr, so viel mehr Leidenschaften. Muss es festhalten. Klammere mich daran, banne die Erinnerungen auf Bilder. Kamera immer dabei. Auslöser schon Millionenmale gedrückt. Immer wieder anders. Immer wieder befreiend und beruhigend zugleich. Komme nur zur Ruhe, wenn ich draußen bin. In der Natur. Wenn um mich herum das natürliche Chaos ausbricht. Dann wird’s geordnet in mir. Dann rückt alles an seinen Platz. Egal, welcher Leidenschaft ich da gerade nachgehe. Ohne wenn und aber. Alle Puzzleteile passen. Ich bin vollständig.

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