Schweigende Worte

Mit dem Gesicht stehe ich an der großen Scheibe des Theaters. Ich beobachte den Schnee beim Fallen. In alle Richtungen. Die Flocken wirbeln, schweben, landen. In dem ganzen Schneechaos draußen taucht die Spiegelung deines Gesichts hinter mir auf. Du nimmst mir den Gin Tonic aus der Hand, nimmst einen großen Schluck, reichst mir das Glas zurück und gehst zur ihr rüber. Kein Wort wechseln wir. Ich bleibe hier stehen, direkt vor der Scheibe, mit dem Schneetoben draußen und der Unruhe in mir.

Meine Stirn berührt ganz kurz deine Schulter und in diesen paar Sekunden ist alles wie damals. Ich starre deine Locken an, damit ich nicht in deine Augen schauen muss. Denn jedes Mal, wenn ich das Blau sehe, splittert irgendetwas in meiner Brust. Ob es das Herz ist oder meine Schutzmauer. Ich sehe dir den Alkohol an. Dagegen bringt auch der beste Anzug nichts. Mein Kleid passt zu deiner Krawatte. Du lächelst kurz, dein Blick irrt durch den Raum, dann wendest du dich ab und sie ist wieder da. Sie legt dir den Arm um die Taille. Dein Lächeln gilt trotzdem nur mir.

Letztes Wochenende das Kind unseres Freundes in deinen Armen, heute sie neben dir. Was mir schwerer zu ertragen fiel, kann ich nicht sagen. Immer sind da nur die Schneeflocken die alles Aufwirbeln, in deinen Locken hängen bleiben und leise alles bedecken, was uns verbunden hat. Ohne mich von irgendjemand zu verabschieden, gehe ich. Die schwere Glastür schlägt hinter mir zu. Draußen ist nur Stille. Ich hole kurz Luft, halte das Gesicht in den schneeausschüttenden Himmel und knirsche dann in meinem Abendkleid durch das Weiß nach Hause.

Schon weg?, fragt dein Name auf meinem Handy ein paar Minuten später. Kein Wort haben wir den Abend über aneinander verloren, dafür hatten wir uns wohl doch immerhin die ganze Zeit im Augenwinkel. Da, von wo aus sich jetzt eine klitzekleine Träne ihren Weg die Wange herunter bahnt.

8 replies to “Schweigende Worte

  1. Ich weiß gerade nicht, ob es passend ist zu sagen, dass du es wunderschön geschrieben hast, aber du weißt ja sowieso, dass ich deinen Schreibstil so unglaublich gern mag. Gleichzeitig breitet sich dieses Gefühl in mir aus, wenn man mitfühlt, diese Schwere ums Herz. – Fühl dich in den Arm genommen! ♥

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