Ende ohne Abschluss

Dieser Raum ist eine Festung. Die Dunkelheit hat mein Schlafzimmer eingenommen wie eine feindliche Truppe von Kriegern. Nachdem der Schlaf und die Müdigkeit sich verabschiedet haben, stehe ich nun vor dem Fenster, öffne es, schaue raus. Draußen ist es minus zwei Grad. Atemgespenster bilden sich aus meiner Lunge. Ich schaue zu wie sie im Schwarz verpuffen. Die Kälte kriecht in meine Wohnung und auch ein bisschen in mich hinein. Aber ich spüre das nicht, denn ich bin seit zwei Wochen kalt.

Heute Nacht bin ich aufgewacht. Meine Hand wanderte automatisch nach rechts, in der Hoffnung deine dort zu finden. Habe mich zur Seite gedreht, wie so oft. Ich war der festen Überzeugung dort würdest du liegen. In meinem Halbschlaf habe ich Panik bekommen. Saß plötzlich senkrecht im Bett und habe mich gefragt, wo du hin bist. Mein Herz ist losgerast, dann gestolpert. Meine Augen weit vor Sorge. Das passierte mir schon öfter in den letzten Wochen. Ich erwarte, dass du dort liegst und ich nur den Arm ausstrecken muss, um mich zu beruhigen. Mir zu sagen, dass du noch da bist und nicht gehen wirst. Zumindest nicht, bis zum Morgen. Mein Anker, der mich dort hält, wo ich sein will. Du warst nicht da. Bist es seit vierzehn Tagen nicht. Wirst es auch nicht mehr sein.

Ich versuche meine eigenen Gedanken zu vertreiben. Und mein Herz gleich mit.

Jeden Tag vermisse ich dein Lachen mehr. Es fällt mir schwer abends alleine ins Bett zu gehen und dich nicht neben mir zu spüren. Ich vermisse deinen kritischen Blick, mit dem du versuchst endlich etwas aus mir herauszubekommen. Deine doofen Fragen, nur um mich irgendwann vielleicht zu durchschauen. Wenn ich mich ganz stark konzentriere, kann ich dich heraufbeschwören. Sogar deine Stimme kann ich hören.

Sie sind wieder da. Diese salzigen Perlen, die meine Schwäche zeigen. Meine Schwäche für dich. Sie bringen nichts. Wieder warte ich hier, unzufrieden mit dieser Situation zwischen uns, hoffend auf irgendetwas. Ich tigre durch die Gegend. Warte auf dich, während du auf jemand anderen wartest. Jemand bei dem du nicht nachdenken musst, ob du dieser Person näher kommen kannst, ohne verletzt zu werden. Vor allem wo du sagen kannst „Ich mag dich“, ganz ohne „aber“.

Vor dem Fenster passiert nichts. Keiner geht bei diesem Wetter nach draußen. Doch irgendwo da draußen sitzt du vielleicht gerade. Irgendwo da draußen überlegst du vielleicht sogar, was du mir gestern an den Kopf geworfen hast. Irgendwo da draußen versuchst du mich womöglich zu verstehen und ich wünschte ich könnte mich erklären, ohne von dir verletzt zu werden. Irgendwo da draußen bist du unerreichbar für mich.

Du hast dich so herausgeschlichen, bist abgehauen, ohne dass ich es eigentlich wirklich realisiert habe. Gestern dann das klärende Gespräch, was überhaupt nichts klar gemacht hat. Für mich zumindest nicht. Aber das ging mir dir schon immer so. Das einzige was deutlich wurde war: Das alles ist eine Illusion gewesen, eine Fata Morgana. Ich hatte nicht den Mut dir das zu sagen, was ich sagen wollte. Ich hätte es tun sollen, auch wenn es nicht das ist, was du hören wolltest. Nun verpuffen wir aus dem Leben des anderen wie die Atemgespenster in der Nacht.

6 replies to “Ende ohne Abschluss

  1. Ich habe nun doch ein Sternchen gesetzt, dafür, dass mir Dein Eintrag, Dein Text hier, gefällt. auch, wenn er so traurig ist, Deinen Kummer in dieses Fenster zeichnet. Ich wünsche mir, dass Dir das Schreiben hilft, dass die unruhigen Nächte jetzt, nicht umsonst sind.

    Du bist so poetisch, sogar noch in Deiner Traurigkeit: „Atemgespenster“, was für ein wundervolles in ein Wort gegossenes Bild. – So sehe ich Dich, so nehme ich Dich oft wahr, als eine Poetin. Und da ist schon wieder ein Wunsch für Dich: Ich wünsche mir, dass Dir Dein poetisches Wesen so gut zu tun vermag, wie es anderen gut tut. Mir zum Beispiel. Weil es so eine schöne Menschlichkeit ausstrahlt, eine die für sich genommen einzigartig schön ist. Diese Menschlichkeit, DIESE bist DU!

    Das kann, das darf nicht übersehen werden! Wer vermag so etwas? – Ich würde am liebsten dagegen anschreien, dass es immer wieder Menschen gibt, die solche Wesensseiten nicht bemerken, nicht sehen, können oder wollen, oder, dass sie sie sogar bewusst ignorieren, sei es aus einem eigenen Minderwertigkeitskomplex oder sonst etwas heraus.

    Ich schenke Dir heute drei Sterne *** für Deine Nächte, sie sollen Dir scheinen, wenn Du schläfst, Dich sanft wärmen, wenn Dich Schreck und Sehnsucht aufwachen lassen und Dich lieblich wachkitzeln, wenn es für Dich ans Tagwerk gehen muss. Und ich lasse einen Teil meines ♥ens hier, es ist Symbol für jenes Teil, in dem ich Dich als wunderbaren Menschen und gute Freundin in meinem Herzen trage.

    Liebe sternflüsternde Grüße für Dich, Ines!

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    1. Danke, für dein Kompliment. Zu meiner Schande muss ich dazu sagen, dass ich ja im schriftlichen vielleicht gut im Artikulieren und Verpacken bin, aber wenn ich einer Person dann vis-a-vis gegenüberstehe, fehlen sie mir doch oft. Ich weiß dann einfach nicht, was ich sagen soll. Wie ich mich ausdrücken soll und kann, damit das deutlich wird, was ich aussprechen möchte. Häufig sag ich dann einfach gar nichts oder gebe nur knappe Antworten. Daher erkennen wohl auch einfach viele nicht, wie es wirklich in mir aussieht und was mich ausmacht.
      Vielen Dank für die Sternchen, ich trage sie bei mir! (Diese Nacht haben sie wohl schon gewirkt ;)) Liebste Grüße und ein wunderschönes Wochenende (:

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  2. Ich habe mir nun diesen Eintrag zweimal durchgelesen, habe immer wieder weggeklickt, in der Hoffnung und auf der Suche nach den richtigen Worten, aber ich glaube, es gibt gerade keine richtigen Worte. Deine Art zu Schreiben lässt so gut mitfühlen und ich glaube, man kann gerade durch ein paar Worte diese Gefühle nicht wenden, auch wenn ich das gerade wirklich gerne machen würde. Dir gerne etwas davon abnehmen und dir gerne etwas von der vollkommenen Zufriedenheit in mir schenken wollen würde. Ich würde gerne. Leider ist das Leben manchmal doof und es geht nicht so einfach. Ich würde das Leben gerade gerne überlisten, um dir etwas davon abzugeben und dir etwas abzunehmen, aber so gut bin ich nicht, nicht darin, nicht im Überlisten. Aber vor dem allen davonlaufen wäre wohl auch nicht ganz so klug, denn irgendwann ist das Schicksal immer schneller und holt einen wieder ein, wenn man denkt, dass man schlau war und das Leben überlistet hat. Dann wird man vom Schicksal ausgelacht und es tut noch mehr weh. So bleibt mir gerade wohl nicht mehr, als dir eine virtulle riiiiiiiesengrooooooße und richtig feeeeeeeeeste Umarmung zu schicken, begleitet von ganz vielen lieben und das Beste wünschenden Grüße! ❤

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    1. Das ist so lieb von dir, danke sehr! (:
      Weglaufen ist wirklich keine Lösung, aber ich verfalle ja leider ziemlich oft in dieses Muster. Erstmal muss ich mich selber sortieren, damit ich mich mit der Situation auseinandersetzen kann.
      Liebsten Dank für die Umarmung. Ich drück dich gaaaaanz fest zurück. ❤

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  3. Ich hasse solche Momente. Wenn Worte nicht mehr gut genug sind.

    Es tut mir so leid.
    Dass du das erleben musst. Dass es sich so unwürdig vor deinen Augen auflöst. Dass es sich so anfühlen muss.
    Es tut mir so leid. Es tut mir leid, dass du allein im Bett liegst. Allein am Fenster stehst und in all diesem Allein Sein auch noch die Einsamkeit bei dir Einzug gehalten hat.
    Ich erinnere mich an deine Monatslisten und ich würde einfach gern jemanden zu dir schicken, der sich mit dir ins Bett legt, jemanden, der morgens bleibt, der den ganzen Tag mit dir im Bett verbringt. Einen, der nicht nur dem Allein Sein, sondern auch der Einsamkeit den Krieg erklärt. Ich würde es selbst machen, aber ich bin mir nicht sicher, wie viel ich dieser Einsamkeit schon entgegen zu setzen hätte, und es wäre ein Job, bei dem Scheitern fatal ist.
    Nicht immer zählt der gute Wille. Nicht immer reicht es, es versucht zu haben.

    Ich wünsche mir so sehr ein Lächeln für deine Lippen. Und eine kleine Wärmequelle für dein Herz in diesem kalten Herbst. Ich schick die Sonne zu dir, dass sie für dich scheint und die Luft so sehr erwärmt, dass du dich nicht in Atemgespenstern verlieren musst.

    Und ich hoffe, dass du in dir sowohl Mut, als auch Kraft findest, diesem Ende deinen Abschluss zu geben. Er ist nicht der Einzige, der beenden kann. Du kannst das auch.
    So wie ich daran arbeiten muss, den Schlussstrich unter meine Beziehung zu setzen, auch wenn mein Ex-Freund sich zu gut war, den Stift nochmal in die Hand zu nehmen und den Strich zu ziehen. Irgendwann tut es bestimmt nicht mehr so weh. Bis dahin gilt es auszuhalten.

    Ich halte es mit dir aus.
    Ich stelle mich nachts mit ans Fenster.
    Ich verbringe stellvertretend den Tag mit dir im Bett.
    Und ich hoffe mit dir auf den nächsten Tag, der die Tür öffnet, durch die es hier nach weiter gehen kann.

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    1. Ja, die Worte waren nicht mehr genug, um das auszudrücken, was ich sagen wollte. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte ich das, was ich fühle, in Worte fassen können. Vielleicht besser, viel wahrscheinlicher ist aber, dass es noch viel mehr kaputt gemacht hätte. Ich glaube dann hätte ich ihn komplett verloren.
      Leider bin ich für diesen Schlussstrich noch nicht bereit. Zurzeit muss ich erst einmal mich wiederfinden, um darüber nachzudenken, wie es anderswo weitergehen soll oder kann.
      Ich kann dir gar nicht genug danken, für diesen lieben, herzlichen und so unterstützenden Kommentar. Danke dafür, dass du mich begleitest. Danke tausendfach und von ganzem Herzen!

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