Unendliche Weiten und mittendrin ich. (Mallorca Tag 4)

Son Baulo; Grabstätten

Es ist noch dunkel beim Aufstehen. Aber schon bald lugt die Sonne hervor. Wir sind auf dem Weg nach Son Baulo, um ein bisschen im Ort herumzuschlendern. Allerdings wird uns schnell klar: Auch hier hat alles geschlossen. Es ist keine Menschenseele zu sehen. So parken wir das Auto hinterm Strand und laufen mit dem Gesicht in der Sonne los. Die Füße federn dumpf auf dem Sand entlang. Es scheint, als gehöre die ganze Welt uns.

Schon bald endet der Strandabschnitt und geht – hinter steinigem Boden – in einen Pfad über. Dieser führt zwischen Meer und Naturschutzgebiet direkt zu den Grabstätten. Es ist merkwürdig ein paar aufgehäufte, geordnete Steine zu sehen, während einem die Sonne das Gesicht wärmt und man sich vergegenwärtigen muss, dass heute Heiligabend ist. Bei 19 Grad. Aber keiner von uns will sich über das Wetter beschweren, wir wollen es genau so haben. Deswegen streife ich zwischen den Gräbern umher und stelle mir vor, wie hier einmal 300 Skelette gefunden wurden.

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Strandspaziergang mit Entdeckung.

Nachdem wir genug Gräber gesehen hatten, ging es weiter den Pfad entlang, und über den Zaun hinein ins Naturschutzgebiet. In gewissen Abständen standen dafür Leitern bereit, damit die Überquerung auch ja abenteuerlich wurde. Ich hatte mir ausgemalt Geckos und Schildkröten zu sehen, aber wahrscheinlichen hatten sie uns schon kilometerweit vorher gewittert und waren abgehauen. Wenn es nicht so war, dann hielten sie wohl Winterschlaf. Der kam für uns jedoch nicht in Frage. Nachdem wir ein paar Erkundungstouren unternommen hatten, vom Ausichtspunkt aufs Meer geblickt hatten und eine der Höhlen näher begutachtet wurde, ging es zurück.

Cap de Formentor

Cap de Formentor konnten wir uns nicht entgehen lassen. Durch Alcudia ging es dann auf eine kurvige Straße immer bergauf. Noch konnte ich mir nichts besonders vorstellen, aber ich musste sagen: Die Gegend sah auf einmal ganz anders aus. Berge, die bis zum Himmel reichten. (Für einen kleinen Menschen wie mich, reichten sie nun mal wirklich bis dahin.) Weiße Felsen und ein paar grüne Tupfer darauf. Wir hielten an einem kleinen Parkplatz und stiegen einen Weg empor. Plötzlich peitschte der Wind uns so ins Gesicht, dass mir die Luft wegblieb. Dann erst öffnete ich die Augen wieder richtig und ließ mich vollkommen auf dieses Fleckchen Welt ein. Ich stand auf einem kleinen gepflasterten Podest, an den Klippen von meterhohen Felsen und blickte auf das dunkelblaue Meer zu meinen Füßen. Der Horizont war weit, weit weg und diese Dimensionen brachten mich dazu, dass mir etwas schwindelig wurde. Es ging so weit runter! Und wir waren noch gar nicht ganz oben. Auf einem weiteren Weg, der aussah wie ein Stück der chinesischen Mauer, kamen wir ans Ende des Berges. Von hieraus sah man nur noch das Farbspiel der Natur, das Glitzern der Sonne im Meer und die gigantischen Felsen zur Rechten. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Ab hier wusste ich, dass meine Entdeckerlust voll und ganz da war. Ich wollte alles sehen, alles spüren und jeden Augenblick mit nach Hause nehmen. Was dazu führte, dass ich ungefähr so 100 Fotos machte, die beim späteren betrachten fast alle gleich aussahen. Immerhin konnte ich jetzt ein Daumenkino des Berges abspielen lassen – was zugegebenermaßen nicht sonderlich spannend ist, da sich keiner von uns beiden groß bewegt hat.

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Hast du jemals so weitweitweitweitweit gucken können?

Wir fuhren weiter den Berg hinauf. Es kamen uns auf der kurvigen, engen Straße einige Autos entgegen. Immer wieder ein komisches gefühlt, zwischen Felswänden entlang zufahren, oder am Abhang zu balancieren. Auf halbem Weg wurde die Straße so eng, dass wir das Auto im Halteverbot parkten, um zu Fuß weiter zu gehen.

Schon bald taten sich Häuserruinen vor uns auf. Mein Bruder musste diese natürlich gleich erkunden und verschwand in eins der Häuser. Ich warf unauffällig Steinchen durch das Fenster hinein und lachte mir ins Fäustchen, weil er dachte jemand würde ihn verfolgen. Ich konzentrierte mich dann doch lieber auf den Ausblick. Wieder diese unendlichen Weiten und unten sah man die Buchten und die kleinen Orte.

Es ging immer weiter hinauf, wo kein Mensch mehr anzutreffen war. Hier grasten ein paar Ziegen und zwischen den niedrigen, buschigen Palmen gelang man zu einem Turm, ganz oben auf der Spitze des Berges. Nachdem ich die Ziegen unbeabsichtigt verjagt hatte, kraxelte ich zum Turm empor. Von hier aus hinunter zu schauen übertraf noch einmal das bisher gesehene. Der Aussichtspunkt von vorhin lag weiter unter mir und ich wich unwillkürlich zurück. Schon bald bemerkten wir die Uhrzeit und mussten den Rückweg antreten. Doch vorher gab es da noch etwas zu sehen.

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Cap de Formentor. Nach einer unendlich lange Straße, die unzählige Kurven aufwies, sah ich ihn endlich. Den kleinen, weißen Leuchtturm, ganz am anderen Ende. Dahinter nichts mehr. Wir mussten vorher aber noch einmal anhalten, um ein paar Fotostops mitzunehmen. Der kleine Tunnel zum Beispiel, an den sich eine Treppe schmiegte, die auch der Hobbit nach Mordor hätte nehmen können. Außerdem eine strahlendblaue, mit türkis versetzte Bucht. Auf dem Rückweg hielten wir noch an zwei regulären Stops und schauten mit großen Augen auf das Meer.
Aber zurück zum Leuchtturm. Dieser war gar nicht so spektakulär, wie alle dachten. Wir umrundeten ihn einmal, schauten hinauf und dann in die Ferne und stiegen zurück ins Auto. Das war wohl ein typischer Touristenanlaufpunkt. Aber mir persönlich gefiel er aus der Ferne, als kleines Türmchen viel besser, als wenn man direkt davor stand. Obwohl man den ganz gewiss einmal gesehen haben muss.

Liebe
x Als mir die Natur den Atem raubte.
x Den Leuchtturm sehen.
x Die Weiten der Welt neuentdecken.

5 replies to “Unendliche Weiten und mittendrin ich. (Mallorca Tag 4)

  1. Nicht, dass Du denkst, ich lese Deinen Reisebericht nicht, liebe Ines … 😉

    Nur mitunter meldet sich meine chronische Höhenangst schon nur durch das Lesen Deiner Zeilen. – Immerhin, Deine Beschreibungen und vor allem die sehr schönen Fotos dazu vermitteln mir einen vielfältigeren Endruck von Mallorca als ich ihn bisher etwa aus den Medien hatte. (Ich selbst war noch nie dort.)

    Erheiternd fand ich jene Formulierung in Deinem Text, mit der Du feststelltest, dass weder der Berg noch Du sich bewegt hätten. Herrlich!!!

    Liebe Grüße an Dich!

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    1. Das freut mich, dass du trotz der Höhenangst ein bisschen mitlesen kannst. 😉
      Und vor allem, dass ich den wahrscheinlich eher negativen Eindruck der Insel revedieren konnte – Mallorca hat eindeutig mehr zu bieten als das Bild aus den Medien, mehr als Ballermann und Partyopfer.
      Erholung kann man dort auf jeden Fall bekommen, ebenso wie neue Eindrücke der Natur.

      Schön, dass ich dich mit so einer kleinen Anekdote zum Schmunzeln bringen konnte. (:

      Liebste Grüße auch an dich!

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