Die Seen des San Gottardo [Schweiz]

Ich bin unruhig, ich bin getrieben. Die letzten Wochen bringen mich wieder einmal an mein Limit. Zwischenmenschlicher sowie beruflicher Stress. Ein Balanceakt. Freitagfrüh habe ich Otis vollgeladen, unschlüssig wohin ich eigentlich will. Aber erstmal rein in den Van, erstmal weg von da wo Chaos herrscht. Meine Räder lass ich mir von S noch schnell nachziehen, dann entscheide ich aus einem Impuls heraus: Es wird mein Zufluchtsort. Da, wo ich mich ordnen kann.

Zuerst an Zürich vorbei, am Zugersee, dann am Vierwaldstättersee. Es gibt schlimmere Strecken. Mit jeder Serpentine hinauf auf den Gotthard, wächst einerseits die Erinnerung an all die Male, die ich mit M³ hier war, andererseits schrumpft meine Unruhe. Ich stell mich auf einen der bekannten Parkbuchten und mache mich zur Wanderung auf. Die 5-Seen-Wanderung habe ich dieses Jahr damit schon 2,5 Mal gemacht. Einmal im Sommer mit M³, einmal halb mit Y (weil ich krank war) und heute. Irgendwie fühlt es sich danach an. Danach, dass ich die nochmal alleine machen muss.

Ich laufe bewusst gegen die Richtung, die wir damals gelaufen sind. Erstmal auf der Traverse entlang, dann hinauf zum ersten See. Es ist unglaublich still hier. Mich erinnert das Gefühl plötzlich an die Wanderungen auf Mallorca. Mitten in den Bergen, irgendwo auf einem Gipfel, kühle Luft und Sonne. Und dann diese unglaubliche Stille. Eine Stille, die ich bisher nur in den Bergen erlebt habe.

Mache weiter Höhenmeter, immer darauf konzentriert dem Eis im Schatten auszuweichen oder zumindest nicht auszurutschen. Schaue mich in alle Richtungen um, sehe die Berge und die Gipfel um mich herum. Die herbstliche Atmosphäre. Im Sommer waren hier überall noch Blüten, bunte Blumen und jetzt ist alles herbstlich braun. Mit jedem Schritt kriege ich mich mehr und mehr geordnet. Mit jedem Schritt werde ich ruhiger. Ich passe mich der Umgebungsstille an.

Auch wenn mich auf dem Weg alles an M³ erinnert, bin ich dennoch froh alleine hierher gekommen zu sein. Das ist meine Wanderung. Mein Tempo. Meine gemachten Erinnerungen. Sie werden die alten Erinnerungen nicht überschreiben, aber vielleicht parallel mitlaufen. Ich kann mich verabschieden vom Götti für dieses Jahr. Wer weiß, ob sie den Pass nächstes Wochenende nicht schon zu machen werden. Kurz blitz der Gedanke an vor einem Jahr auf: Das erste Mal mit M³ und seinen Freunden unterwegs sein. Frierend in der Kälte, aber ab da hab ich den Gotthard lieben gelernt. Offensichtlich nicht nur den Götti. Ich kann heute loslassen. Nicht nur den Berg – den werd ich wiedersehen, spätestens im nächsten Jahr – auch diesen Mann, der unwiderruflich mit ihm verbunden ist.

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