Sitze im Auto, drei Stunden neben dir. Heimfahrten sind schwer. Das Wochenende ist zu Ende und wir kennen Nähe nur an den Wochenenden. Da wird sie stark. Freitags gesät, Samstags gewachsen, Sonntags rausgerissen. Lehne mit dem Kopf an der Scheibe und hab die Augen geschlossen. Will nichts lieber als Zuhause sein und mich mit meinen Emotionen verkriechen. Bin aber auch nirgendwo lieber als hier mit dir im Van. Wenn ich die Augen öffne, seh‘ ich, wie du zu mir rüber schielst. Du fragst, ob alles okay ist. Ich nicke und schüttle innerlich den Kopf.
Presse die Lippen ganz fest zusammen. Bis es wehtut. Du bist die Person, von der ich sagen würde, dass mir nie jemand näher war. Keiner. Nie vorher hat mich je jemand so sehr berührt. Nie habe ich mich jemanden so nah gefühlt. Niemals jemanden so nah gelassen. Aber du bist auch die Person, die mir am weitesten entfernt ist. Das hier zwischen uns ist ein ohne geht nicht, aber mit auch nicht. Es ist kein „für immer“. Ich weiß nicht mal, ob es morgen noch so sein wird. Es ist temporär.
Diese Nähe lässt mich lernen und wachsen. Sie macht mir schrecklich Angst. Mache mich angreifbar und verletzlich und weiß, ich renne und rennen und verrenne mich dabei. Kann es aber nicht stoppen. Habe mir schon mehrmals gesagt, dass jetzt Schluss sein muss. Das ich jetzt aufhören muss, das ich den Kontakt abbrechen muss, weil es zu nah ist. Weil du mich dort berührst, wo mich vielleicht noch nie jemand vorher berührt hat.
Gesprächsthemen aus der Vergangenheit. Herantasten. Aussagen und dann immer wieder konträres Verhalten. Ich weiß nicht woran ich bin bei dir. Versuche mich emotional zu distanzieren. Schlendre dann doch mit dir durch die Stadt. Und alles ist wie vor der Trennung. Wieder sind wir zusammen am Fels. Wieder schauen wir abends einen Film. Wieder fahren wir in deinem Van raus, obwohl ich selber einen habe. Wieder kochst du mir morgens einen Tee und abends Essen. Wieder sind wir zusammen in der Boulderhalle. Und alle sehen es. Und alle fragen sich „wie ist das passiert?“. Und ich frage mich das auch.