Donnerstagabend, 19:30 Uhr. Wir sammeln Re auf dem Parkplatz ein und dann geht’s 2,5 Stunden durch die Schweiz, bis wir auf dem Gotthardpass ankommen. Ro ist schon da und hat uns einen Platz freigehalten. Als ich aus dem Bus stolpre muss ich kurz schlucken. Was für ein Sternenhimmel. Die Milchstraße klar zu sehen. Und in den 15 Minuten in denen wir hier stehen und die anderen Bier trinken, schaue ich den Sternschnuppen zu, wie sie über den Himmel sausen. Hat sich jetzt schon gelohnt mitzukommen.
Die erste Nacht ist kalt und ungewohnt und ich komme kaum in den Schlaf. In einem fremden Bus liegend, mit einer Person neben mir, und dann das monotone Geräusch des Windrads. Am nächsten Morgen brauche ich lange, um in den Quark zu kommen. Mit Tee und Kaffee sitzen wir auf den Crash Pads und halten die Gesichter in die Sonne, während M Pfannkuchen macht. Besser könnte der Tag nicht starten.


Chalk, Bürsten, Schuhe, Essen und Trinken im Rucksack und die Pads auf dem Rücken. Ro hatte die Boulder schon ausgecheckt. Querfeldein geht’s zu den Blöcken. Einen Moment dauert es für mich, bis ich aufgewärmt bin und die Linien auschecken kann. Ich bin in sozialen Situationen meist nicht besonders gut und wenn dann auch noch alle Augen auf mich gerichtet sind, macht es das nicht besser. Immerhin gibt’s keine Probleme damit, mich zu spotten – es muss ja auch einen Vorteil haben, dass ich so klein bin und nichts wiege.
Ich habe die Augen geschlossen, höre nur Wortfetzen davon wie sich M und Ro über den Boulder beschweren. Wie sie das ohne den „langen Wixer Style“ machen wollen. Höre wie der Fuß abrutscht und das darauffolgende „Depp“. Das „Allez, allez.. Komm zieh hoch“. Oder „schon wieder morpho“. Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht, da wo die Sonne mich küsst. Die Sonne küsst auch die Felsen und sobald sie untergegangen ist, bleiben uns vielleicht noch 30 Minuten, bevor der Stein zu schmierig wird.
Am Samstag ist die Energie nach 11 Stunden Schlaf zurück. Ich bin heiß, ich will an den Fels. Aber die Sonne ist noch nicht lange da, also muss ich mich gedulden. Aber irgendwann geht’s los. Ein bisschen tüfteln, Minuspunkte sammeln, dann wieder Pluspunkte. Positive Rückmeldungen und Beta-Tipps erhalten. Während den Pausen liege ich auf dem Rücken im Gras, genieße die Stille. Ganz manchmal lehne ich mich auch an, hole mir Windschutz oder Wärme ab. Und dann bin ich elektrisiert, die Linie geht trotzdem nicht auf.


Wie Urlaub fühlt es sich an: Morgens im warmen Schlafsack zu liegen, den Tag über mit Leuten am Fels zu sein, danach den anderen beim Eisbaden zuschauen, Abendessen, Spiele spielen im warmen Bus mit Standheizung (was ein Luxus), mal ein Feuer machen, mal Glühwein trinken und immer in netter Gesellschaft. Ich taue auf mit den Leuten, die Leute tauen auf mit mir.
Sonntag ist Ruhetag für M und mich. Während Ro und Re noch den Grat hinauf kraxeln, liegen wir gemütlich in der Sonne und lesen. Machen einen Spaziergang, verbrennen uns die Gesichter auf 2100 Metern nach 2,5 Tagen. Reden, lernen uns kennen und die Sonne küsst mich da, wo ich lächle. Die Lippen mittlerweile trocken und rau, verbrannt und vom Wind zerlegt. Auch die Hände sind kaputt und die Haut an ihnen dünn. Mein Körper erschöpft vom vielen draußen sein, vom Bouldern, von der Höhe, von der Sonne und dem Wind. Das ist die Erschöpfung, die ich liebe.


