Müder Stolz

Bitterkalte Luft lässt meine Ohren schmerzen. Dann funktioniert der Radservice nicht und die Laune sinkt in den Keller. Nach dem Aufpumpen Zuhause hatten wir also schon 6 km auf dem Tacho und starteten nun erst die eigentliche Tour. Auf dem Rennrad zu sitzen fühlt sich nach Freiheit an. Heute fühlte es sich einfach nur ungemütlich und kalt an. Immer wenn ich schneller trat, um wärmer zu werden, wurde mir nur noch kälter, weil der Fahrtwind dann natürlich beständig zunahm. Es dauert einige Zeit bis die Sonne auftauchte und meinen gefrorenen Körper auftaute. Währenddessen schaute ich mich intensiv um.

In Moos tauchte neben der Sonne noch etwas ganz anderes auf. Der Zeppelin der bei gutem Wetter seine Runden über den Bodensee zog, war auch heute wieder unterwegs. Ein riesiges Luftmobil, was erstaunlich schnell unterwegs ist. Neben dem Naturschutzgebiet „Radolfzeller Aachried“ reihten sich bis Iznang ziemlich viele Strandbäder aneinander. War aber auch ein schönes Fleckchen Erde.

Bis hierhin alles tutti. Körper war wieder aufgetaut, das Wetter nicht zu warm und der Körper noch einigermaßen fit. In Iznang endete unser Radweg plötzlich in einem Schotterweg und wir mussten auf einen breiten, asphaltierten Weg ausweichen. Hier begannen dann auch die Steigungen. Ich hatte es ja schon ein bisschen befürchtet, denn das Navi hatte very steep hills angekündigt. Und die wollte ich eigentlich gar nicht fahren. Steep hills hätten mir voll und ganz gereicht. Nun wars zu spät. An einem der stärksten Berge verschaltete ich mich auch noch und prompt streikte die Kette. Oben angekommen schlängelte sich der Weg dann erstaunlich idyllisch durch Streuobstbäume, als wäre nichts gewesen.

Gaienhofen, Wangen, Öhningen. Und mein Handy hatte sich schon weit vorher ins schweizer Netz eingewählt. Immer wieder schielte ich auf die Wegbeschreibungen und wunderte mich, wieso es noch immer so weit war. Erst als Stein am Rhein 2km auf dem Schild zu lesen war, atmete ich auf. Endlich war ein Ankommen in Sicht!

Wie immer strahlte dieser kleine Ort, der heute unser Marker und Tagesziel gewesen war. Ich strahlte gleich mit, denn es war vollbracht! 40 km waren geschafft (+6 km hin und her fahren). Darauf gab es erstmal einen Müsliriegel. Das Wasser war mir schon lange ausgegangen. Außerdem war es auf dem Kopfsteinpflaster gar nicht so einfach mit den Clickis zu laufen. Und dann schoss es mir plötzlich durch den Kopf: Wir mussten ja auch irgendwie wieder nach Hause kommen. Also wieder auf die Räder und los – dieses mal auf schweizer Seite mit besser ausgeschilderten Radwegen.

Über die kleine Rheinbrücke hinüber und über Eschenz, Mammern, Steckborn, Berlingen, Ermatingen auf dem Bodenseeradweg. Auf gerader Strecke hätte ich wohl noch ewig weiterfahren können, doch leider waren auch hier immer wieder ein paar mittelmäßige Steigungen eingebaut. Wunderschön ging es am Bodensee entlang. Manchmal durch die kleinen, hübschen Orte, manchmal an der Straße, dafür aber direkt am Wasser. Ab Kilometer 65 war ich verloren. Ich konnte nicht mehr sitzen, mein Nacken tat weh, mein rechter Fuß begann zu kribbeln, meine Beine schmerzten und wurden schwer. Bleischwer. Ich kämpfte mich weiter durch Ermatingen und Gottlieben und sah die Heimat doch schon ganz nah. Und dann war da plötzlich der Zollübergang und wir waren zurück in Konstanz. Allerdings lagen nun noch 10 km Restheimfahrt vor uns. 

10 km können lang sein. In der Stadt waren viele Leute unterwegs und ich mittlerweile müde. Der Kopf leer. Muss ich bremsen? Hänge ich noch mit dem Clickverschluss fest oder kann ich den Fuß einfach abstellen? An mir flog die Werbung eines Stummfilms vorbei: Der müde Tod. Wie passend dachte ich. Denn Zuhause fiel ich quasi vom Rad. Nach dem Rad putzen dann weiter in den quasi müden Tod. Nachts konnte ich nicht schlafen, weil mein Körper überall schmerzte. Vielleicht waren 90 km ohne konstantes Training im Vorfeld doch etwas zu ambitioniert. Trotzdem würde ich jeder Zeit wieder aufs Rad steigen und mich müde fahren – der Mensch ist schon ein komisches Geschöpf.

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