In meiner Herde

Bei diesem Wetter ist eine Winterspaziergang garantiert. Die Sonne wärmt mit zarten Strahlen, trotzdem ist es bitterkalt. Kleine Atemgespenster toben vor den Gesichtern der Menschen umher und lösen sich dann in Luft auf. Ohne Schal, Handschuhe, Mütze und zusätzlicher Kapuze ist im Moment das Bis-auf-die Knochen-Durchfrieren garantiert. Selbst gut ausgerüstet kriecht die Kälte einem unter die Haut. Sie ist schnell, aber ich bin schneller.

Ich habe mich überreden lassen bei einem Fotoshooting einer Freundin dabei zu sein. Dick eingepackt stand ich auf der Lichtung, ließ die beiden ihre Fotos machen und aß im Hintergrund mein Käsebrot. Als Influencer könnte ich mich damit auf Instagram nicht zeigen: Verfroren, eingepackt in drei Lagen Kleidungsstücke und essend. Meine Socken trage ich über der Strumpfhose, die Kapuze meines Cardigans wird über meine Wollmütze gezogen, die Spitze steht ab wie bei einem Zwerg und von der Farbkombination fangen wir lieber gar nicht erst an. Chaotenstil nennen es die Jugendlichen. „Sieht aber nicht schlecht aus“, fügen sie dann noch an, damit es nicht zu beleidigend wirkt.

Während also die beiden Menschenwesen etwas abseits ihre Fotos schossen, stand ich mit geschlossenen Augen in der Sonne und genoss. Dann hörte ich ein leises Prusten. Wenig später das Geräusch, als würde jemand auf einem Bonbon herumkauen. Ich öffnete die Augen und erblickt Rehe. Flauschig in ihrem Winterfell, kuschelig weich. Sie stupsten mit ihren Nasen immer wieder an meine Finger, hofften wohl auf etwas zu Essen.

Rehe sind für mich immer wieder faszinierend, obwohl sie in jedem Wald zuhause sind. In ihrer Herde streifen sie über Lichtungen und Felder. Ich mag, dass sie so aufmerksam sind, scheu, leise und vorsichtig. Entweder sieht man sie früh am Morgen oder in der Abenddämmerung – und beide Tageszeiten haben für mich etwas verzauberndes. Vor allem im Winter.

hirsch
reh

8 replies to “In meiner Herde

  1. Ich weiß ganz genau, wovon du scheibst. Wenn dich plötzlich diese schwarz-glänzenden Augen eines Rehs aus unmittelbarer Nähe angucken, dann ist das definitiv ein magischer Moment. Ich weiß, wovon ich schreibe, denn das habe ich vor Jahren selbst mal erlebt. Darüber habe ich damals sogar einen kurzen Text geschrieben. Den suche ich mal eben heraus und blogge den noch einmal. Danke, fürs daran Erinnern, liebe Frau Klitzeklein. Ich wünsche dir ein verzaubert-schönes Wochenende.

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