Theater 80

Familienfeiern bereiten Freude. Alle endlich mal wiedersehen. Leute kennen lernen, die neu zur Familie hinzugekommen sind. Sich austauschen, alle wieder an einem Tisch sitzen. Mit all den Liebsten. So könnte es sein. Ist es aber nicht. War es auch nie.

Familienfeiern sind bei uns grundsätzlich mit Stress verbunden. Umso größer die Feier, desto größer das Unwohlsein. Diese Korrelation lässt sich leider auch nicht beheben. Jedes Mal ist man schon Wochen vor dem Termin unruhig, angespannt und verbreitet akute Unlustlaune. Am Samstag ging es los. Von uns aus in Richtung Leipzig sind wir immer eine gefühlte Woche unterwegs. Eine Ostanbindung ist schwer zu finden. Die Voraussetzungen entspannt bei einem Kaffeetrinken anzukommen sind also nicht wirklich gegeben.

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Meinen Opa und meine Stiefoma wiederzusehen bereitet mir wirklich jedes Mal Freude. Auch die langjährigen Freunde aus Bayern sind angereist. Wären Familienfeiern so klein, dann würde ich auch nichts dagegen haben. Aber dann sind da ja noch die Tante und der angeheiratete Onkel plus Cousin und Cousine. Und die ganze Riesenfamilie von meiner Stiefoma. Ich möchte euch nicht mit Einzelheiten langweilen. Es lief hauptsächlich so ab, dass ich abseits an irgendwelchen Tischecken saß. Ganz bewusst. Die Müdigkeit vom Abend davor kroch langsam aber sich in den Körper und das machte mich nur noch reizbarer und sensibler. Als mein angeheirateter Onkel wieder anfing auf Lebensweisen herumzureiten, die er nicht toleriert, musste ich mein Wasserglas schnell leer trinken, um es ihm nicht ins Gesicht zu schütten. Stattdessen setzte ich ein eiskaltes Lächeln auf. Manifestierte meine eigene Maske und behielt sie den ganzen Abend auf.

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Der schöne Schein kann trügen. Das Dessert verpasste ich fast, weil ich lieber draußen am Ufer stand und mir den Sonnenuntergang ansah. Wahrscheinlich wurde meine Eisbombe heimlich schon unter den Verwandten aufgeteilt. Ich möchte wirklich nicht miesepetrig wirken, aber für mich ist es schwer mit anzusehen und zu ertragen, wie so viele Menschen auf einem Haufen, so viele Rollen spielen können. So falsch sein können, irgendwie nicht echt. Es ist ein Theaterstück vom Feinsten, jeder hat seine Position. Der Clown, die Stille, der Entertainer. Nur weil sie denken, dass sie es so müssten. Nur wenn gerade keiner hinguckt, bröckelt die Fassade ein klein wenig.

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