Der schwarze Hund

Ich spreche jeden Tag mit meiner Psychologin und mit meinem Psychiater. Ein Satz, bei dem ältere Leute sich wahrscheinlich die Hand vors Gesicht schlagen und mitleidig sagen: Oh je, Kindchen! Die gehört in die Klapse!
Ich hingegen finde, so einen Satz könnte man auch beim ersten Date bringen. Vor allem dann, wenn die Psychologin und der Psychiater nicht deine Arbeitskollegen sind.

Den Job sucht man sich ja bekanntlich immer so aus, dass er auch irgendwie zu einem passt. Ich bin in der Klinik gelandet, weil mich die psychischen Erkrankungen schon immer fasziniert haben. Nicht weil ich sensationsgeil bin oder weil in meinem Freundeskreis und in meiner Familie seelische Erkrankungen auftreten, sondern gerade auch deswegen, weil sie selbst heutzutage noch so oft zu Stigmatisierungen führen.

Depressive, Psychotiker, Persönlichkeitsgestörte, Suchtpatienten sind nicht gleich Serienkiller. Sie alle sind krank. Genauso wie Tumor- und Krebspatienten. Nur, dass man bei den körperlich kranken die Krankheit sieht und bei den psychisch Kranken in den meisten Fällen eben nicht. Das was einen zerfrisst geschieht meist nur in den Menschen selbst. Oft haben sie so gute Fassaden, so dass es nicht einmal jemand mitbekommt. Und das ist das Schlimme daran.

Das eine Jahr auf der Station für affektive Erkrankungen hat mir so viele Einblicke ermöglicht. Wer keine Depression durchgemacht hat, der kann nicht wissen, wie sich jemand fühlt, der tagtäglich damit kämpft. Trotzdem weiß ich in etwa, wie die Menschen leiden. Ich habe sie weinen sehen, ich habe gesehen, dass sie nicht aus dem Bett gekommen sind, einfach weil das schwarze Monster in ihnen, sie daran gefesselt hat. Ich habe gehört, wie sie Todeswünsche äußerten und auch, wie viele und welche Suizidversuche sie schon hinter sich haben. Ich habe die hilflosen Gesichter gesehen, wenn Patienten nach vielen Jahren wegen einer rezidivierenden Depression wieder zurück waren. Bei schweren Phasen ist es ein genauso harter Kampf wie gegen den Krebs. Nur, dass man hier nicht gegen den Krebs kämpft sondern irgendwie gegen sich selber.

Ich werde verrückt, wenn jemand sagt: Sei mal nicht so depressiv. Und vor allem, wenn die Ratschläge an Depressive lauten: Reiß dich mal zusammen. Das macht es nämlich nur noch schlimmer. Kennt man selber ja auch, wenn man mal melancholisch ist. Genauso wenig kann ich es leiden, wenn es heißt, dass Suchterkrankungen keine Erkrankungen sein sollen. Wenn Schizophrenie plötzlich das gleiche wie multiple Persönlichkeitsstörung ist. Wenn Menschen mit Angst- und Panikstörungen ausgelacht werden, weil sie nicht Bus oder  Zug fahren können. Wenn junge Borderlinerinnen als „gestört“ abgestempelt werden, nur weil sie sich ritzen, um sich selber zu spüren. Das alles sind Hilfeschreie. Laute Hilfeschreie.

Niemand sucht sich aus krank zu sein!
Der Ratschlag bzgl. des Zusammenreißens sollte daher eher an die Gesunden gehen.
Stigmatisierungen, auslachen, bagitallisieren-all das führt dazu, dass seelisch Kranke sich nicht trauen nach Hilfe zu fragen. Wer krank ist braucht diese Unterstützung und medizinische Versorgung von außen dringend. Sie ist in den meisten Fällen wichtig für’s Überleben.

9 replies to “Der schwarze Hund

  1. Das ist wunderbar geschrieben, liebe Ines. So wunderbar, dass es mich richtig froh stimmt. Denn, Du ahnst es, manches, was Du geschrieben hast, hat mich auf besondere Weise angesprochen.

    Deine Motivationen kenne ich mittlerweile, glaube ich, ganz gut. So, wie Du sie hier bezogen auf Dein Berufsfeld noch einmal skizziert hast, sind sie wie Du, sehr menschlich, sehr einfühlend. – Deine Art auf Menschen zuzugehen, Menschen anzunehmen, Vorurteile auszusperren und mit Urteilen sorgsam und vorsichtig zu sein, andere Menschen mitnehmen zu wollen, so oft es geht, ihnen eine Portion Zuversicht verabreichen wollend – diese Art macht Dich sehr aus, diese Art ist sehr Dein ICH.

    Wenn ich sage, dass so jemand ein Schatz ist, dann weiß ich, warum ich das sage, und ich weiß, dass es sehr wahr ist. Und schmunzele ruhig, wenn ich auch schreibe, dass Du seit wir uns begegnet sind, und ich Dich mehr und mehr kennenlernen durfte, weil Du bist wie Du bist, weil Du diese Motivationen in Dir trägst und durch Deine Art sie zu leben anderen Menschen um deren Person willen zeigst, immer mehr einer meiner liebsten Schätze geworden bist.

    Ich habe Dich nicht bewusst gesucht, Dich einfach gefunden. Und ich weiß, dass und wie wertvoll Du bist.

    Wie solltest Du also nicht ein Schatz für mich sein!

    Ich wollte Dich nicht verlegen machen, mit diesen Sätzen. Du weißt, dass ich das nie will. – Aber da Du zu dem Thema hier so geschrieben hast, wie Du das tatest, und weil ich denke, dass es überhaupt wichtig ist, dass auch Dir hin und wieder jemand etwas Schönes, Motivierendes, Aufbauendes sagt oder schenkt, habe ich es halt nun auf diese Weise getan. Freiilich keineswegs nur um des Sagens oder Schenkens willen. Aber das hast Du, denke ich, auch keinen Moment gedacht.

    Liebste Grüße und nur schöne Wünsche für die zwei bevorstehenden freien Tage (oder musst Du arbeiten gehen?), liebe Ines!

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    1. Danke, lieber Sternflüsterer. So sehe ich mich selber gar nicht, daher bin ich wirklich glücklich und verblüfft darüber, mal so eine Rückmeldung zu bekommen. (:
      Danke, danke, danke!

      Ich muss glücklicherweise an den Wochenenden nicht arbeiten. So hoff ich, dass du ebenfalls zwei freie, wunderbare Tage haben wirst. Liebste Grüße an dich, mein Freund!

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  2. Danke!

    Wobei ich manchmal immer noch meinen Zweifel habe, ob die Jugendlichen im jüngeren Alter „Depressionen“ nicht teilweise unterschätzen, sich selbst diesen Stempel aufdrücken, weil man ja interessanter sei, wenn man Probleme hat. Ich weiß nicht, vielleicht irre ich mich.

    Aber an und für sich ist mit solchen Problemen nicht zu spaßen. Sollten ernst genommen werden. Nur ist der Rest der Menschheit gerne damit überfordert, wenn sie damit in Kontakt geraten. Umso wichtiger sind Menschen wie du, die sich bewusst mit den Menschen auseinander setzen und versuchen zu helfen.

    P.s Opa leidet auch an Depressionen. Sitzt zurzeit auch wieder in einer Art Loch. Spricht kaum. Liegt viel auf dem Sofa. Oder ist geistig ziemlich abwesend. Ist in seiner eigenen schwarzen Welt. Es tut weh mit anzusehen. Wenn er dann doch mal ein kleines Lächeln auslässt, dann ist es für mich so, als würde die Sonne aufgehen. Bei ihm sind es Phasen. Er muss Medikamente nehmen. Aber Medikamente sind auch keine Lösung.

    In gewissen Teilen habe ich mich auch selbst wieder gefunden bzw. mein „Ich“ vor ein paar Jährchen. Mein „Ich“ aus der Zeit, die heute nichts mehr in meiner Gegenwart verloren hat. Ich mag nicht sagen, dass ich ernsthaft krank war, ich hatte nur gewisse Probleme. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn meine Mama nicht mein Tagebuch gelesen hätte. Finde ich heute noch scheiße, aber es war eine Verzweiflungstat von ihrer Seite. Wer sieht schon gerne seine Tochter zurückgezogen, ständig besoffen und mit merkwürdigen Narben am Körper? Aber dann kam alles ins Rollen, ich lernte P. kennen und ich bin im Nachhinein so dankbar dafür. Ich weiß nicht, wo ich hingekommen wäre, wenn ich nie wirklich verarbeiten hätte können. Wenn andere mir nicht geholfen hätten. Vielleicht wäre es dann wirklich etwas ernsthaftes geworden?

    Danke, dass du diesen Menschen hilfst!

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    1. Ich glaube, die Jugendlichen, die wirklich Depression haben, verstecken es zu gut und die, die sich diesen Stempel aufdrücken, kokettieren damit nur.

      Der arme Opa. Ich hoffe, dass es ihm bald besser geht. Diese immer wiederkehrenden Phasen müssen unfassbar kraftaufreibend sein.

      Auch Probleme können zu Sorgen führen. Ich freu mich sehr für dich, dass sich dein altes „Ich“ nicht mehr in die Gegenwart schmuggeln kann und sich alles zum guten gewendet hat. Oh ja, darüber bin ich wirklich sehr, sehr froh! (:

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  3. da hast du ein wichtiges thema aufgegriffen. mir fehlt auch sehr sehr oft das verständnis für diese krankheiten, aber ich kann das zumindest für mich behalten, weil ich WEISS, dass es so einfach nicht getan ist mit „reiß dich zusammen“.

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    1. Mir ist ja auch klar, dass diese Krankheiten suspekt sind, vielleicht auch wirklich gruselig und nicht so leicht nachvollziehbar. Aber solange man das demjenigen nicht ins Gesicht sagt und trotzdem ein bisschen Toleranz zeigt, ist das auch vollkommen legitim. Und ich bin ganz sicher, dass du niemand bist, der jemanden etwas schrecklich fieses sagt 🙂

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