Familienfeste

Noch vier Tage bis zum Familienfest. Diese Partys sind ein viel umstrittenes Thema. Manche lieben Familienfest, manche hassen sie, bei manchen ist es eine Hassliebe. Ich sehe diese unausweichlichen Termine eher als letzteres an. Auf Krawall gebürstet und passiv-aggressiv crashe ich meist die Geburtstage, aber auch nur, weil auf Familienfeiern die dümmsten Fragen gestellt werden. Und weil ein bisschen auch das eigene Leben reflektiert wird. Wer ist man und wo steht man?

Da sitzt dann mein Opa neben mir. Sieht mich nach Monaten mal wieder und fragt, wie es im Leben so läuft. Gut, Oppa, alles gut. Er glaubt mir meist kein Wort, ist aber zu nett, um weiter nachzubohren.
Da sitzt dann mein Onkel neben mir, der fragt, was meine Arbeit so macht. Sind die Verrückten noch alle da? Ja, Onkel, sind sie. Und sie sind krank und nicht verrückt. Auch nach dem hundertsten Mal rede ich diesen Satz gegen die Wand.
Da sitzt dann meine Oma neben mir, stellt mir die Frage, die ich am meisten hasse. Ines, hast du denn jetzt einen Freund? Nein, Omma. Den brauche ich nicht. Sie sagt dann zwar meist, ich wäre ja noch jung, aber ihr Gesichtsausdruck schreit: Wie willst du nur alleine überleben? Wo kommen denn dann die Enkelkinder her? Du wirst immer älter und nicht jünger!
Ich kann ihr schlecht erzählen, wer alles in meinem Leben ein uns ausgeht.
Da sitzt dann meine Tante neben mir, scheinheilig nett und fragt, ob ich noch immer Vegetarierin bin. Tötest du dann eigentlich Mücken? Ziehst du dir Zecken? Möchtest du nicht doch ein bisschen Salami aufs Brot? Selten so doofe Fragen gehört.

Es brodelt langsam in mir. Der Abend ist noch lang. Ein junges Mädchen, Single, Vegetarierin und mit psychisch Kranken arbeitend ist das gefundene Fressen, um vom eigenen Leben ein bisschen abzuschweifen. Vor allem um stillschweigend Vorwürfe zu formulieren. Eine Angriffsfläche, die alle gerne nutzen. Da sitzen dann mein Bruder und mein Vater neben mir und hoffen, dass wir diesen Abend bald überstanden haben. Wortloses Augenverdrehen. Ein Schluck vom Bier. Stille. Ein schwarzes Schaf gibt es immer. Meist ist es eine ganze Herde schwarzer Schafe, doch vor lauter Wolle sieht man nichts mehr.

Da sitzt dann jemand Fremdes neben mir und fragt mich, wer ich eigentlich bin. Die tollsten Geschichten könnte ich mir nun ausdenken. Verheiratet mit einem Anwalt. Arbeiten brauche ich nicht mehr, denn wir haben genug Geld für alle. Meine Hobbys sind Segelfliegen und Tiefseetauchen.
Wer bin ich denn? Ein junges Mädchen, Single, Vegetarierin und mit psychisch Kranken arbeitend. Aha, sagt der Fremde und wendet sich jemand anderem zu.

10 replies to “Familienfeste

  1. Weißt du eigentlich, dass du eine unglaubliche Gabe hast, Worte zu finden und Sätze zu formen und damit Musik zu machen? Ich meine, sicher, weißt du es, weil ich bestimmt nicht die erste bin, die deine Texte liest, und beeindruckt ist. Und weil ich bestimmt auch nicht die Erste bin, die dich das wissen lässt. Aber weißt du eigentlich, was für ein Genuss dieser Text war? Ich fürchte nicht.

    Denn es war vermutlich kein Genuss, ihn zu schreiben, oder?
    Familienfeste in dem Wissen zu bestreiten, dass sie mit unangenehmen, manchmal auch den erfolgreichen Hirnamputationen preisenden Fragen einhergehen, denen man nicht oder kaum ausweichen kann, kann kaum mehr sein als ein Übel, das man in Kauf nimmt, weil … es von einem erwartet wird? Sie ja trotzdem Familie sind? Man niemanden vor den Kopf stoßen will?

    Aber weißt du was?
    Das Reflektieren – junges Mädchen, Single, Vegetarier und mit psychisch Kranken arbeitend – ist etwas, das man für sich selbst macht. Wo du stehst, muss nur dich interessieren. Und vor allem, wohin du von dort aus gehst – da hat keiner ein Mitspracherecht. Das ist allein deine Sache. Da kannst du noch so viele Mücken töten. Da können noch so viele nicht verstehen, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen verrückt und krank gibt und dass dieser Unterschied darin besteht, dass niemand davor geschützt ist, dass es uns alle treffen kann und auch, dass es die meisten von uns trifft. Irgendwann in unserem Leben.

    Ich bin froh, dass du dem Fremden in deinem Kopf nicht gesagt hast, du seist mit einem Anwalt verheiratet.
    Ich bin mir sicher, dass dieses junge Mädchen, Single, Vegetarierin und mit psychisch Kranken arbeitend – ein viel sympathischerer Gesprächspartner ist.
    Und die Leute, die sich abwenden, die brauchst du gar nicht.

    So, jetzt muss ich zurück zu meinen psychisch Kranken 🙂

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    1. Oh, vielen, herzlichen Dank, liebe Kira. Das ist mal ein Kompliment. Ich bin wirklich ganz gerührt und absolut baff. Danke! (:

      Warum man diese Familienfeiern trotz allem immer noch mitmacht, frage ich mich auch. Klar, nicht alle Verwandten sind „schlimm“, aber sie in geballter Ladung zu erleben, ist schon ein Spießroutenlauf. Und nur weil die zu meiner Familie gehören, muss ich sie ja nicht mögen. Familie kann man sich zwar nicht aussuchen, aber dennoch kann man ja selbst entscheiden, wie viel Zeit man mit den einzelnen Mitgliedern verbringt.

      Ich kann dein Kompliment übrigens mit guten Gewissen an dich zurückgeben: Du schreibst ebenso wunderschön, findest mutmachende und weise Worte! Bezaubernd.
      Vielen, lieben Dank noch einmal. Und eine kurze Frage: Arbeitest du etwa auch mit psychisch Kranken? 🙂

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      1. Sehr gerne!

        Sicher – Familienbande sind keine Garantie für Sympathie. Und wie du deine Zeit verbringst, ist immer deine eigene Entscheidung. Sollte es zumindest sein.

        Danke sehr, liebe Ines 🙂 Das freut mich sehr, dass jemand, der so mit Sprache umgehen kann wie du, etwas in meinen Worten findet, das ihm gefällt 🙂

        Ja. 🙂 Ich mach ein FSJ in einer Psychiatrischen Klinik und bin im Bereich der Qualifizierten Drogenentgiftung eingesetzt. Da ist allerdings nicht nur die Abhängigkeitserkrankung unser Thema, sondern auch alle möglichen Doppeldiagnosen. Die Patienten ohne Doppeldiagnose sind echte Raritäten.
        Aber leider ist dieser Monat mein letzter.

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      2. Ein sehr schwieriger Bereich. Spannend, aber auch da wird man sicher immer wieder an seine Grenzen stoßen. Eine psychische Erkrankungen kommt selten alleine. ):
        So wie es klingt, hat es dir ja sehr gefallen dort. 🙂

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  2. Hör auf dich selbst so schlecht darzustellen! Was interessiert, was die anderen sagen?
    Bei unserem letzten Familientreffen im Juni:
    „Was? P. arbeitet in der Landwirtschaft?“ – abwertender Blick. „Du ziehst auf einen Bauernhof?“ – gerümpfte Nase. „Du arbeitest jetzt in der Gefäßchirurgie? Wie langweilig ist das denn?“ – „Wie magst du denn so jemals was werden in deinem beruflichen Werdegang?“ – „Ein Polo? 60PS? Wer kauft sich denn schon so ein Auto?“ – Laber laber laber. Aber wen hat es zu interssieren? Wichtig ist, dass man selbst mit dem zufrieden ist, was man hat und wenn man nicht damit zufrieden ist, dass man selbst etwas daran ändert. Es ist dein Leben, du musst damit leben, kein anderer. Und nur weil es die anderen uninteressant finden, jemand anderes da draußen kann sich vielleicht nicht mehr von dir losreissen, wenn du von dir erzählst. Vegetarierin, darüber kann man Stunde lang reden, wenn man auf einen toleranten Menschen trifft. Die Freundin meines Cousins und zukünftige Mama meiner Großcousine ist Veganerin. Als wir sie kennengelernt haben, hatte sie einen veganen Käsekuchen dabei. Wir konnten uns Stunden lang darüber unterhalten, wie sie dazu kam, was das alles für sie bedeutet, dies und das. Es zeigt doch nur, dass dieser Fremde nicht weltoffen ist und sich nicht für jemand anderen interessiert – ist dann nicht eher er uninteressant? Deine Arbeit mit psychisch Kranken gebührt der höchste Respekt. Sollen die das doch mal einen Tag lang machen, die würden wahrscheinlich schon nach einer Stunde das Handtuch werfen und froh sein, wenn sie das Weite suchen können. P. hat auch nur immer gesagt, dass ich eine Tippse sei. Soll er sich doch mal nur eine Stunde hinsetzen und sich mit diesen alten und teilweise schon schwierigen Menschen auseinander setzen. Soll es am Besten jedem Recht machen. Oder als ich ihm erzählt hab, dass ich das erste mal mit Manschette und Stetoskop Blutdruck gemessen habe (nebenbei angemerkt, war ich da schon stolz auf mich ^^), kam von ihm ein „Das kann doch jeder“. Als ich ihn dann gefragt hatte, was er denn da hört und was ihm die Nadel wann sagt und was systolisch ist und was ihm der jeweilige Wert dann sagt, hatte er keine Antworten parat. Da musste er dann doch zugeben, dass es vielleicht doch nicht jeder kannt. Weißt du, man weiß oft nicht, was dahinter steckt und meint, man wisse ja bescheid. Wenn die Menschen dann aber so engstirnig sind und in diesem Glauben bleiben wollen und nicht mal genauer Nachfragen und sich nicht auf das darauf hin erklärte einlassen, dann sollen sie das doch tun. Das sagt gar nichts über dich aus, wie die anderen reagieren. Wichtig ist nur, dass du Vegetarieren aus Überzeugung bist und nicht, weil es vielleicht gerade Trend ist. Wichtig ist, dass du deine Arbeit mit Leib und Seele und vollstem Herzeinsatz machst und nicht, weil dir nichts besseres für deine Zukunft eingefallen ist. Wichtig ist, dass du Single bist, weil es gerade einfach nicht passt und nicht den nächst Besten nimmst, nur damit du jemanden auf diesen Familienfeiern zum Vorzeigen und Vorführen hast. Du musst den anderen nichts beweisen. Lass sie in ihrem Trott weiterleben, wenn sie nichts besseres zu tun haben, als sich auf Kosten anderer zu amüsieren, nur damit sie was zu lachen haben.
    Es hilt dir wahrscheinlich gar nichts, aber so wie ich dich hier kennenlernen durfte, bist du ein wundervoller Mensch, der etwas in die Welt hinausträgt, offen ist für Neues und es keinesfalls nötig hat, sich über andere und deren Leben(sstil) lustig zu machen. Ich bewundere dich und ja, ich mag dich (:

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    1. Was würde ich nur ohne deine Worte machen?
      Ich finde es grässlich, dass sie dich in Schubladen stecken und dir einreden wollen, dass du dies und jenes „falsch“ machst. Umso glücklicher bin ich, dass du nicht auf sie hörst! Denn sie wissen scheinbar nicht, was für eine mutige, liebenswerte Person du bist. Da könntest du noch so „unnormale, schlimme“ Dinge machen/kaufen.

      Du hast absolut Recht: Meist wissen die Leute nicht, was dahinter steckt. Sie urteilen einfach zu schnell. Nur sie machen die wirklich schwere Arbeit, die anderen können nichts. Dabei ist das ziemlich unfair. Sich nicht mit anderen zu beschäftigen, nachzuhaken, was ihre Beweggründe sind oder ihre Aufgaben im Job… Man verpasst dadurch so viele Perspektiven und Blickwinkel, so viele Facetten einer Persönlichkeit.
      Ein veganer Käsekuchen kann zum Beispiel viel besser schmecken, als ein „richtiger“. Ist für viele aber nicht zu akzeptieren. Ihnen verschließt sich damit ganz schön viel.

      Danke, meine Liebe, für deine bezaubernden Worte. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dass ich dich kennenlernen durfte-ansonsten wäre mir wohl sehr viel verschlossen geblieben. (:

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  3. Oh Ines! Wie sehr ich mich in Deinem Eintrag wiedergefunden habe!
    “ Junges Mädchen, Single, Vegetarierin und mit psychisch Kranken arbeitend“ – das ist richtig „schlimm“ 😉 , aber

    „Mitfünfziger, der sich weder für Autos, noch fürs Schrauben und nicht mal im „üblichen“ Sinne für Frauen interessiert, der nur sehr wenig Alkjohol trinkt, der tiefgehende Gespräche liebt, das Weltgeschehen verfolgt und sanfte Musik und Stille liebt, der sich Hauptberuflich und ehrenamtlich um Flüchtlinge und Migranten gekümmert hat und nun künftig in ähnlicher Weise für Menschen mit Behinderungen tätig sein wird“,

    das ist auch nicht „besser“ zumal es auch noch unvollständig ist. Es gibt da noch viel mehr, was nicht „passt“, was „komisch“ ist an mir.

    Ich mag mich freilich ebesowenig verleugnen wie Du, und ich finde es großartig, sympathisch, ja geradezu liebenswert, dass Du zu Dir stehst. – Ich tue das auch, wenn auch um den Preis, dass ich Familienfeiern in bestimmter Runde, in größeren Kontexten (dafür gibt es noch einen weiteren Grund) teilweise inzwischen bewusst aus dem Wege gehe. Dabei bin ich sogar bisweilen unehrlich, bemühe Notlügen, etwas, was sonst gar nicht meine Sache ist.

    Kira hat es oben sehr gut beschrieben, besser als ich es gekonnt hätte, die Art Deines Schreibens (ich habe Deinen Eintrag gestern sogar meiner Frau vorgelesen!) und warum Du so eine sympathische Gesprächspartnerin bist.

    Hey, ich mag Dich gerade deshalb, gerade weil Du bist wie Du bist!

    Allerliebste Grüße + Kornblümchen!!!

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    1. Ich finde das klingt keineswegs schlimm. Eher sympathisch! Das ist etwas anderes, als man erwartet und daher sehr interessant. Außerdem kann man daraus auf dein großes, freundliches Herz schließen (:

      Das war im Übrigen auch noch lange nicht alles, was bei mir nicht passt und womit so anecke… Aber das alles auszupacken, das würde lange dauern. 😀

      Familienfeiern an sich gehe ich nicht aus dem Weg, dennoch aber vielen Verwandten, mit denen ich einfach nicht kann. Muss ja auch nicht. nur weil sie zur Familie gehören, muss ich ja nicht mit ihnen klarkommen.

      Danke dir, lieber Schweitzer, für deinen lieben Kommentar. (Ich werde noch immer rot, an diese so herzlichen Komplimente werde ich mich wohl nie gewöhnen.)
      Fühl‘ dich sehr verstanden und ganz lieb gegrüßt!

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