Von Geduld auf Wartegleisen

Schon in der Kindheit lernt man schnell: Geduld ist eine Tugend. Wer nicht geduldig immer wieder von Neuem versucht sich die Schuhe zu binden, der wird nie eine Schleife lernen. Wer nicht mit großer Geduld Bauklotz auf Bauklotz legt, wird nie den größten Turm zu bauen schaffen. Wer nicht geduldig im Unterricht sitzt und zuhört, muss vor der Tür warten. Wer nicht geduldig auf den Bus wartet, der wird zu Fuß gehen müssen.

Geduld war nie meine Stärke. Alles musste schnell erledigt werden, sofort passieren und sowieso am besten schon gestern geklärt worden sein. Abzuwarten war für mich immer schon eine Qual. Am schlimmsten dann, wenn ich gar nicht genau wusste, worauf ich so geduldig warten sollte.

Menschen, die geduldig sind, sind auch immer Menschen, die aushalten. Die Sitaution aushalten, auch wenn sie noch so ungemütlich ist. Inwieweit ich das schaffe, ist weiterhin ungeklärt. Aber wie kommt es denn, das manche Personen so unfassbar locker im Warten sind? Personen, die aushalten können, sind doch auch irgendwie immer ein Stück weit gleichgültig.

Und jetzt ganz plötzlich merke ich, dass ich geduldiger geworden bin. Ich habe resigniert. Bin ruhiger geworden. Warum mir das jetzt so bewusst wird, weiß ich nicht. Wenn ich mal im Stau stecke, dann ist es ebenso. Komme ich halt fünf Minuten später zur Arbeit. Wenn der Tee noch zu heiß ist, um ihn in der Pause zu trinken, warte ich eben und trinke ihn während des Patientengesprächs – bin auch nur ein Mensch. Wenn Leute sauer auf mich sind und ich den Grund nicht verstehe, dann halte ich die Situation eben so lange aus, bis ich den Grund erfahre, um mich dann rechtfertigen zu können.

Früher war die Zeitspanne des Wartens so minimal kurz, wie nur möglich. Heute ist sie dehnbar wie Kaugummi. Da verfluche ich die Person eben nicht sofort, wenn ich keine Antwort bekomme, sondern warte. Und wenn sie nicht antworte, vergesse ich es eben selbst irgendwann. Man lernt viel schneller, dass die meisten Dinge nur Momentaufnahmen sind. In dieser Sekunde erscheint alles wichtig, doch schon etwas später – wenn ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist – merkt man, dass andere Dinge viel wichtiger sind, oder das Problem sich sogar schon von alleine gelöst hat.

Vielleicht hilft ein bisschen Aushalten, ein bisschen Warten, ein bisschen Gleichgültigkeit oder Geduldig sein aus, um viel effektiver an die Situation heranzugehen, sie zu lösen oder sogar zu vergessen. Wie lange lasst ihr euch so auf’s Wartegleis verfrachten?

13 replies to “Von Geduld auf Wartegleisen

    1. Aus „Venus im Pelz“ von Polanski (aus dem Gedächtnis):
      Sie: Wir treffen uns morgen an der Venusstatue.
      Er: Wann kommst Du denn?
      Sie: Du wartest gefälligst, bis ich einzutreffen geruhe …

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      1. So ist es, so ist es… Kann man wohl nicht anders formulieren. Und trotzdem gibt es keinen, der nicht wartet, hofft oder bangt. Das ist nur menschlich 😉

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      2. Vielleicht ist es nur menschlich …
        aber der Masochist hat erkannt, dass es ihm höchste Lust ist.
        Andere Menschen glauben, es sei das Ersehnte, dass ihnen Lust bereiten werde; der Masochist weiß, dass es das Sehnen selbst ist.

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  1. Sind gleichgültig Sein und Geduld haben so nah beieinander?

    Für mich schließen sie sich nahezu aus. Wenn ich geduldig sein muss, heißt das, dass mich etwas sehr bewegt, dass es mich beschäftigt, ich es nicht loslassen kann und möchte, es (in Sehnsucht, in Freude) erwarte und doch warten muss. – Geduld muss ich dann aufbringen, wenn ich nicht gleichgültig zu sein oder zu bleiben vermag, sonst brauchte es die Geduld nicht.

    Möglicherweise meinst Du statt Gleichgültigkeit Gelassenheit, die etwas anderes ist. –

    In dem, was einen nicht gleichgültig sein lässt gelassener zu sein oder zu werden und so mehr oder auch „leichter“ oder länger Geduld aufbringen zu können, das ist wohl das, was Du Dir manches Mal wünscht.

    Ich wünsche Dir solcherart Gelassenheit auch.

    Um so mehr als sie mir selbst so wenig eigen ist und ich deshalb ihren Wert sehr gut ermessen kann.

    Liebe, herzliche Grüße an Dich!

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    1. Für mich irgendwie schon, ja.
      Klar, es gibt auch Dinge, auf die man immer mit einer gewissen Unruhe warte, bei denen es schwer fällt überhaupt zu warten, weil so viele mächtige Gefühle im Spiel sind.

      Aber ich glaube, dass ich in diesem Jahr ziemlich gleichgültig geworden bin, was das Warten angeht. Daher meine ich auch ganz gewiss nicht die Gelassenheit – die sich für mich aber auch sehr nah an der Gleichgültigkeit und Geduld anfühlt.
      Dennoch kann ich Gleichgültigkeit und Gelassenheit unterscheiden.

      Danke dir sehr! Gelassenheit kann ich natürlich ebenso gut gebrauchen wie Geduld. Am besten natürlich beides in Kombination, ohne Gleichgültigkeit.
      Ich gebe diesen Wunsch gern an dich zurück, denn auch ich weiß, wie schwer es „ungeduldige Menschen“ so haben.

      Viele, liebe Grüße!

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  2. Ungeduld ist mein zweiter Vorname! Gepaart mit Neugier wohl nicht die beste Mischung.
    Das mit dem Stau geht mir allerdings auch ähnlich, bzw. bei mir ist es so mit Zügen oder Bussen, die Verspätung haben. Aber da sag ich mir halt, dass es Dinge sind, die ich auch wenn ich mich darüber ärger, nicht beeinflussen kann, also brauch ich mich auch nicht weiter ärgern. :yes:

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    1. Diese Charaktereigenschaften teile ich mit dir. Kann mich da nur anschließen: In Kombination manchmal nicht so klasse. 😛

      Oh ja, wenn man selbst nicht daran Schuld ist und es sowieso nicht ändern kann, dann sollte man sich die Energie lieber sparen. Nachher regt man sich ganz umsonst auf.

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  3. ich sag dir was – das ist das erwachsenwerden. mag nicht jedem so gehen, aber mir geht es auch so: ich werde geduldiger, nehme mehr hin, komme klar mit dingen, die nicht zu ändern sind. nicht immer – aber immer öfter. 😉

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    1. Oha, dann werde ich nun erwachsen. Aber da du mit gutem Beispiel voran gehst und trotz allem immer noch das Kind in dir wahrst, halte ich mich einfach an dich und schneide mir noch eine Scheibe von dir ab. 😉

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