Vermisste Verlorene

Jetzt am Wochenende habe ich aufgeräumt. Oder besser gesagt alles mehr oder weniger auf den Kopf gestellt. Während ich so sauber machte – Kram von der linken Ecke in die rechte schob – fragte ich mich, wieso der Mensch an so vielen Dingen hängt. Manchmal überkommt mich eine Zeit, da könnte ich alles wegschmeißen. Ob es nun nützlich ist oder nicht. In anderen Zeiten verstaue ich eben alles ganz sorgfältig in Kartons und schiebe sie weit nach hinten in den Schrank. Könnte ich ja irgendwann nochmal gebrauchen, den Mist. Außerdem kann man aus alten Dingen doch so viel schönes Neues machen! (Das ist keine Ausrede! Fragt die ganzen Do-it-yourselfler. So nennt man die doch heute? Ich bleibe da lieber altmodische Basteltante.) So besteht immerhin die Gewissheit, dass das Zeug da ist, das man es jederzeit nach vorne holen könnte, wenn man wollte.

Würde es einen Unterschied machen, wenn man den Gegenstand verliert, anstatt ihn aus freien Stücken wegzugeben? Ich bin überzeugt davon, dass es einen Unterschied macht. Wenn ich den alten Pulli, der mir eigentlich viel zu klein ist, irgendwo liegen lassen würde und er später unauffindbar wäre, fände ich das ganz schön traurig. Dann wäre der zu kleine Pulli plötzlich doch gar nicht mehr sooo klein und eigentlich auch gar nicht soooo hässlich. Denn dann habe ich etwas verloren. Und nur wenn man etwas verliert kann man es auch vermissen. Auf welche Art das heimlich geliebte verloren geht ist dabei unwichtig.

Meinem Gefühl nach zu urteilen, habe ich dann vor kurzem etwas verloren. Vielleicht war es die Berührung einer ganz bestimmten Hand auf meiner Hüfte. Diese Berührung ist liegen geblieben in einer ranzigen Diskothek, mitten auf dem Boden der dunklen Tanzfläche. Vielleicht war es der Moment, in dem ich diesen Singsang von Stimme das erste Mal gehört habe oder all die Male danach. Es ist im Stimmengewirr der anderen untergegangen. Vielleicht fehlt mir mein Herz, das ich so unbedacht und unbewusst verschenkte. Es ist irgendwo an einem unbestimmten, anonymen Ort. Wahrscheinlich wird es dort nicht einmal gebraucht. Verloren, unauffindbar.
Vielleicht ist es das etwas nervöse Grüßen in Kombination mit dem schiefen Lächeln, was ich so vermisse. Wer weiß schon, ob sich unsere Wege nochmal kreuzen und ich dieses schiefe Lächeln jemals wiedersehen werde.

Verloren Dinge können nicht immer wiedergefunden werden. Sie verschwinden im ganz persönlichen, eigenem Permuda Dreieck. Egal, wie verzweifelt man danach sucht. Ob man nun immer die Augen aufhält oder an die Orte zurückkehrt, wo das Verlorengegangene das Letzte Mal gesehen wurde. Entweder taucht es von ganz alleine wieder auf, dann wenn man es womöglich nicht mehr braucht, nicht mehr vermisst oder man wird es nie mehr wieder zu Gesicht bekommen. Außer man geht selbst verloren.

9 replies to “Vermisste Verlorene

  1. Also zu dem ersten Teil: Viele Menschen, zu denen ich wohl auch gehöre, haben sowieso viel zu viele Sachen. Man denkt immer, dass man das noch gebrauchen könnte. Allerdings nutzt man die meisten Sachen davon dann doch nicht mehr.
    Ich will auch immer wieder ausmisten, allerdings muss man sich wohl einfach von einigen Dingen trennen.

    Zum zweiten Teil: Immer mal wieder denkt man an vergangene Zeiten und Personen. Denkt sich, ob es nicht besser wäre, wenn die alten Zeiten wieder neu aufleben würden. Allerdings muss man sich wohl denken, dass es Gründe hatte, warum diese Zeiten vergangen sind.
    Man sollte viele Dinge wohl nicht zurückholen, obwohl man manchmal denkt, dass dann alles besser wäre…

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    1. Da sagst du was. Es stapeln sich Sachen, die keiner braucht, die ich aber auch nicht wegwerfen kann. Solange das noch überschaulich bleibt, geht das ja noch einigermaßen. Beruhigend zu erfahren, dass es anderen auch so geht. 😀

      Da gebe ich dir auf jeden Fall Recht. Auch wenn das teilweise verdammt schwierig ist und erstmal diese Zeit des Vermissens vergehen muss. Aber irgendwann braucht man das wirklich nicht mehr. Dann ist es besser alles alte ruhen zu lassen.
      Nur jetzt gerade ist es noch nicht so lang her, nun muss eben erst einmal ein bisschen Zeit verstreichen – vielleicht werde ich das in ein paar Wochen schon gar nicht mehr so schlimm finden. (:

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  2. Ich bin leider auch so ein „Sammler“ 😉
    Man könnte das später noch gebrauchen, etwas daraus machen, aus dem Fundstück etwas basteln,die Zeitung doch noch lesen, das Foto in eine Sammlung integrieren … 😀

    Es gibt so einen Richtspruch :
    Was man ein halbes Jahr nicht in der Hand hatte, kann man getrost wegwerfen.
    -> Das geht bei mir gar nicht !!!

    Kaum habe ich doch mal etwas weg geworfen, suche ich danach 😦

    Irgend wie wäre ich gern ein Vagabund, der im Wohnwagen unterwegs ist, aber DAS geht bei meinem vielen Kram gar nicht 😀

    Ich kann Deine Überlegungen also wieder einmal gut nachempfinden.

    Liebe Grüße
    Bärlinerin

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    1. Ach, das sind wir doch irgendwie alle von Natur aus. 😛
      Genau so geht es mir auch jedes Mal.

      Diesen Richtspruch wollte ich erst mit einbringen, aber irgendwie funktioniert der bei mir wohl genauso wenig wie bei dir. 😉

      Das muss dann ein sehr, sehr großer Wohnwagen sein. Oder ein Wohnmobil mit Wohnanhänger, dann hat man immerhin schon eine Zwei-Zimmerwohnung. 😀
      Komisch, was sich alles so anhäuft und was einem lieb und teuer wird!

      Liebste Grüße
      Ines

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  3. Von Zeit zu Zeit ist es befreiend, einigen Dingen, die lange danach sehnen, die Freiheit zu schenken. Zum einen, um sich auch selbst davon zu befreien. Zum anderen, um eine gewisse Ordnung zu bewahren. Das fällt immer schwer, wer trennt sich gerne von seinen vertrauten Gefühlen der sanften Erinnerung beim Berühren oder Betrachten eines Gegenstands…?

    Mir hilft es immer, wenn ich mir den Zeitpunkt aussuche, wie einen Termin mit mir selbst, und mich darauf vorbereite, etwas von meinem Besitz loszulassen. Ein bewusster Abschied von den Dingen, die keine Verwendung mehr haben. Ja, wirklich bewusst. Ich bin dann nicht in Gedanken schon beim nächsten Gegenstand, sondern genau so lange bei dem Stück, von dem ich mich trenne, wie es das verdient hat. Und was soll ich sagen: bereut habe ich bisher nichts, das ich losgelassen habe.

    Das andere sind wohl Erinnerungen, die verloren gehen wollen, aber das Hirn klammert zu sehr daran. Darauf haben wir wohl weniger Einfluss, als wir es uns zugestehen wollen. Manches, das wir gern behalten wollen, verdunstet, anderes, das wir am liebsten sofort vergessen würden, bleibt ein Leben lang… Die Erinnerung aufzuräumen, wird also kein Mensch wirklich können, ohne äußeren Einfluss.

    Das Lied ist wunderschön…

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    1. Vielen Dank für deinen wirklich schönen Kommentar. Er bringt mich wirklich zum Nachdenken.

      Ich sehe das genau wie du, dass es teilweise sehr befreiend sein kann, Dinge loszulassen oder gehen zulassen. Ganz einfach ist das natürlich nicht. Wie schön du das beschrieben hast!

      Und das ist wirklich eine sehr wunderbare Idee. Wenn man sich auf einen „Abschied“ vorbereiten kann, ist es vielleicht nicht einfacher damit umzugehen, aber man kann die Zeit bis dahin noch sinnvoll nutzen und sich darauf einstellen. Ich werde deine Variante einmal ausprobieren – vielleicht hilft sie mir ja genauso gut wie dir.

      Manchmal wäre es wohl einfacher, wenn wir entscheiden könnten, was im Gedächtnis hängen bleibt und was verschwindet. Aber manchmal ist das auch gar nicht so schlimm. So lange man mit den Erinnerungen gut umgehen kann, sie zu schätzen lernt und die schlechten verarbeitet, wird es also vielleicht gar nicht nötig sein sie für immer aus dem Kopf zu verbannen.

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      1. Das freut mich sehr, dass du es ausprobieren magst und dass meine Worte dich erreicht haben. Danke für deine schöne Antwort. Du hast die Gabe, deine Gedanken sehr schön und trotzdem authentisch zu formulieren, was ich sehr selten so erlebe. Deshalb danke.

        Das mit den Erinnerungen teile ich. Für viele Menschen ist der Weg dahin, dieses Ziel zu erreichen, sehr lang und steinig. Und hat man es einmal erreicht, muss man immer weiter daran arbeiten, es ist wie in einer guten Beziehung. Die will man ja auch nicht aufgeben, nur weil man sich mal streitet.

        Ich wünsche dir viel Spaß beim aufräumen und bewahren.

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