Gratulation zum Tiefpunkt

Jeder hat sein Schicksal selbst in der Hand.
Wenn du etwas willst, dann tu etwas dafür.
Alles ist möglich.
So sagt man doch, oder?

Dann frage ich mich, wo ich wieder einmal falsch angesetzt habe. Warum stehe ich (oder eigentlich eher sitze ich) jetzt hier? Es ist als hätte ich den Tiefpunkt erreicht, nachdem ich das erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte. Genau jetzt. Kurz nach der Mitte des Jahres und am schönsten Tag des Jahres. Ich setze mir die Krone des Selbstmitleides auf. Ja, doch. Ich finde, ich darf das auch mal.

Gestern den Abschluss in die Tasche gesteckt. Meine Kommilitonen, die nun meine Ex-Kommilitonen sind, verabschiedet. Glückwünsche der Professoren in Empfang genommen. Mich ein bisschen in Euphorie und Freude gebadet. Die Absolventenfeier war nett. Ein bisschen viel Gequatsche, aber man konnte es dennoch aushalten. Das Wetter hat mehr als gut mitgespielt. Und ich wollte das feiern. Denn irgendwie darf ich doch auch ein bisschen stolz auf mich sein. Irgendwie ist das doch ein riesiger Schritt. Ich bin nun Akademikerin. (Nicht das ich das jemand auf’s Brot schmieren will, oder dass ich mich deswegen nun besser fühle.) Ich habe ein weiteres Ziel meines Lebensplanes abhaken können.

Ich hätte gerne mit jemandem angestoßen. Ich wäre heute Abend gerne tanzen gegangen. Aber ich sitze alleine Zuhause auf dem Balkon. Kann mich nicht selbst beschäftigen. Weiß nichts mit mir anzufangen. Komme mir vor wie ein quengelndes Kind ohne wirkliches Ziel. Laufe von a nach b und vergesse auf dem Weg, was ich machen wollte. Nein, ich habe es nicht vergessen, ich hatte nie eine Idee, was ich tun könnte.Gibt es tatsächlich nur eine Hand voll Leute, die ich fragen kann und die wirklich schon was anderes vorhaben? Ist es wirklich notwendig, dass ich darüber enttäuscht bin, dass meine Freunde irgendwas machen, was sie auch am Abend zuvor oder morgen hätten tun können?

Ich glaube nicht, dass all mein Frust gerechtfertigt ist, wenn ich es objektiv betrachte. Aber subjektiv bin ich ganz schön angefressen. So sauer wie ungekühlte Milch bei diesem Wetter nur werden kann. Oder verbittert, wie 100%ige Zartbitterschokolade. Ich vergleiche mich eher selten mit Milch oder Schokolade. Ich schätze das ist ein Indiz dafür, dass ich sehr enttäuscht bin.

17 replies to “Gratulation zum Tiefpunkt

  1. Ich versteh Dich schon. Es sind wahrlich nicht immer die „richtigen“ Momente, in denen man sich so allein fühlt.

    Aber, liebe Ines, denk zum Beispiel an Deine letzte Reise, auf der Dich doch eine liebe Freundin begleitet hat. Ich bin sicher, sie wäre auch heute gern bei Dir gewesen. Denk, auch wenn das jetzt gerade besonders schwer fällt auch daran, dass vielleicht auch Du einmal nicht bei einer Freundin sein konntest, zu einer bestimmten Zeit, obwohl Du das gwollt hast und sie Dich gebraucht hätte.

    In solchen Momenten ist es dennoch nur ein schwacher Trost, wenn einem jemand sagt, dass man in und mit den Gedanken nicht allein ist. Auch, wenn es wahr ist.

    Ich drück Dich jetzt virtuell einfach mal und sage Dir, dass keine Schokolade zu 100 Prozent bitter ist (DAS weiß ich genau! 😉 ) und selbst saure Milch noch ganz gesund sein kann und sich etwas aus ihr machen lässt. Aber, was schreibe ich da: Du bist weder bitter noch sauer, nur weil Du heute ein bisschen traurig bist.

    Ganz liebe Grüße! Es kommen wieder bessere Tage…

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    1. Deine lieben Worte und das Anregen zum Nachdenken – dafür danke ich dir vielmals aus vollem Herzen! (:

      Ich glaube ich wäre nicht so enttäuscht gewesen, wenn wenigstens irgendwer ein bisschen Zeit übrig gehabt hätte. Aber leider waren sie wirklich alle andersweitig beschäftig. Nun ja, ich hoffe nun, dass sich das Anstoßen und Feiern auch noch ein bisschen später nachholen lassen kann!

      Viele liebe Grüße!

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  2. GUTEN MORGEN,
    es ist schon schwer,
    einen passenden KOMMENTAR zu formulieren …

    Deshalb zuerst einmal …

    … für die ZUKUNFT !
    *

    Überlebensfähigkeit

    Nur ein stetig tätiger AKT der ANSTRENGUNG
    hilft einem MENSCHEN,
    selbständig ein PROBLEM zu bewätigen, um so,
    – zielklar geistig oder körperlich aktiv -,
    seine ÜBERLEBENSFÄHIGKEIT zu erhalten.
    ___

    © PachT 2014

    *

    In diesem Sinne alles GUTE !

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    1. Vielen dank für die Glückwünsche und die lieben Worte. (:
      Eine sehr gute Überlegung zur Überlebensfähigkeit – Selbstständigkeit sollte bei mir wohl mal wieder gefördert werden. 😉

      Danke für deinen schönen Kommentar!
      Die besten Grüße

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  3. Liebe Ines !

    Ich gratuliere Dir natürlich auch, und möchte Dir sagen, dass Du bestimmt nicht im Selbstmitleid „versinkst“, sondern dass Du Dich vielleicht fühlst wie ein Sportler :
    Du hast lange für Dein Ziel gearbeitet, und nachdem Du es erreicht hast, tritt plötzlich eine Art Leere ein…

    Ich kenne das auch sehr gut :
    erst ist man total im Streß, und plötzlich gibt es nichts mehr zu tun;
    und am Erreichten kann man sich gar nicht recht erfreuen.

    Schade finde ich allerdings, dass Deine Freunde keine Zeit für Dich hatten 😦
    Es war ein wichtiger Tag für Dich, und den hätten sie schon mit Dir verbringen sollen !

    Vielleicht kannst Du diese Zeit und die „Ruhe vor dem Sturm“ dennoch genießen ?!
    Ich wünsche es Dir sehr !

    Liebe Grüße,
    Bärlinerin – die von der Hitze zur Ruhe gezwungen wird 😉

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    1. Liebe Bärlinerin,
      ein großes Daankeschön für deine Glückwünsche! (:
      Was du da schreibst über die auftretende Leere ist wohl genau das, was ich gerade fühle, ohne es wirklich beschreiben zu können. Du hast es also besser getroffen als ich es hätte sagen können. 😉

      Das war wirklich traurig, aber jetzt hoffe ich nun mal, dass ich den Tag quasi noch einmal „nachholen“ kann. Wenn nicht, beschenke ich mich eben selbst und nutze die freie Zeit nochmal in vollen Zügen aus. (:
      „Ruhe vor dem Sturm“ trifft es da sehr gut – zum Glück habe ich ja noch eine kleine Verschaufpause bevor es richtig losgeht.

      Liebste Grüße und einen schönen (nicht so hitzigen) Sonntag!

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      1. Danke, danke, aber DU bist ja die wortreichere von uns beiden 😉
        Ich habe nur versucht mir Deine Situation vorzustellen …

        Sich selbst beschenken ist durchaus ein gutes Mittel 😉
        Ich gönne mir dann manchmal ein gutes Buch, einen Film, oder im Extremfall einen Ausflug/eine Reise.
        Letzteres könnte Dir bestimmt auch gut tun !

        Du wirst Deine Zeit bestimmt gut nutzen.

        Liebe Grüße aus Berlin
        Bärlinerin (kurz vor dem Wegschmelzen 😉 )

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      2. Da hast du ein sehr gutes Einfühlungsvermögen. 🙂

        Ein gutes Buch habe ich mir dann gestern auch noch gegönnt, zusammen mit einem kühlen Eistee. Hab so lange auf dem Balkon gelegen, dass ich irgendwann nichts mehr sehen konnte. 😀
        Heute kam dann die gute Nachricht – im August geht es an die Ostsee, da freu ich mich nun schon riesig drauf!

        Das klingt ja wirklich nach einer enormen Hitze bei euch – halt durch! 😉
        Liebe Grüße
        Ines

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      3. Danke schön für das „Einfühlungsvermögen“ ! 🙂
        Das hat auch sicher nichts mit meinem (ehemaligen) Beruf der Sozialarbeiterin zu tun 😉

        Ich freue mich sehr für Dich, dass es doch noch mit einer Ostsse-Reise geklappt hat ! 😀
        Das ist doch ein Silberstreif am Horizont !!!

        Die Hitze bleibt uns hier leider erhalten :`(

        Liebe Grüße
        Bärlinerin

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  4. Von mir auch erstmal dicke Glückwünsche! (:

    Ist ja immer irgendwie blöd, wenn wirklich alle keine Zeit für einen haben..besonders bei so einem Anlass. Denke aber, dass sich das auf jeden Fall nachholen lässt! :yes:

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  5. Selbstverständlich auch von mir die allerherzlichsten Glücklwünsche liebe Ines! Du kannst stolz auf dich sein, wirklich! Ich bin es jedenfalls! 🙂

    Weißt du manchmal erscheinen mir die Paralleen in unseren Leben und Gedanken echt unheimlich!

    Ich hatte gerade Urlaub und niemand der üblichen Verdächtigen (die, die sich immer beschweren, dass man sonst so wenig Zeit hat), hat es für nötig befunden, sich Zeit für mich zu nehmen.
    Dass ich frei habe, wussten sie alle und viele von ihnen haben gerade ebenfalls frei. Und trotzdem nichts. Selbst nach mehrmaligem nachfragen nicht.

    Ich kann also gut verstehen, wie es dir ging, wie du dich gefühlt haben musst! Bei so einem besonderen Anlass ist es natürlich noch viel schlimmer!!!

    Es tut mir wirklich leid für dich, ich fühle mit dir!
    Ich kenn das einfach viel zu gut und weigere mich vielleicht gerade deshalb immer noch es einfach als gegeben hinzunehmen. Gibt es keine Alternativen?
    Es muss doch irgendetwas geben, was einem in so einer Situation wirklich helfen kann!? Ich meine hallo?! Die Menschheit ist in der Lage zum Mond zu fliegen…

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    1. Vielen Dank! Danke, danke, danke! 🙂

      Ja, diese Paralleen fallen mir auch immer wieder auf. Sehr gruselig! Aber gut zu wissen, dass man mit solchen gefühlen und Gedanken dann meist nicht ganz alleine ist. (Auch wenn man das meist niemandem wünscht!)

      Das tut mir wirklich Leid. Ich kenne das zu gut. Als wäre man plötzlich verschollen, unsichtbar und keiner merkt es, obwohl doch eigentlich alle wissen, dass man gerade jetzt so viel Zeit zum teilen hat.

      Wenn du eine Alternative, eine Lösung oder auch nur eine Idee gefunden hast, teile sie mir bitte mit. Ich teste das gerne! 😉

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  6. Sehr gern geschehen! =)

    Das stimmt, das ist wirkllich gut zu wissen! =)

    „Das tut mir wirklich Leid. Ich kenne das zu gut. Als wäre man plötzlich verschollen, unsichtbar und keiner merkt es, obwohl doch eigentlich alle wissen, dass man gerade jetzt so viel Zeit zum teilen hat.“

    Ganz genau so ist es!

    Nächstes Mal treffen wir uns einfach in so einem Fall! ;o)

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  7. ich gratuliere – natürlich nicht zum tiefpunkt, sondern zum akademischen grad. 🙂

    mit sich selbst etwas anzufangen wissen, ist etwas wichtiges, was man lernen muss, finde ich. in so einer situation kann man aber wahrlich drauf verzichten. ich kann deine gedanken und deine enttäuschung verstehen, ich bin ein ähnlicher typ. aber dennoch wissen wir ja beide, dass die freunde, die nicht konnten, den „ernst der lage“ nicht erkannt haben und womöglich auch nicht erkennen konnten.

    liebe grüße!

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    1. Danke dir 🙂

      Das muss man auf jeden Fall lernen und leicht ist das nicht. Aber normalerweise bekomme ich das auch ganz gut hin, nur in solchen Momenten dann eben doch nicht.
      Eingesehen haben die meisten es im Nachhinein wohl auch, verziehen wurde es ebenso, aber dennoch ein Abend darüber enttäuscht zu sein, find ich nicht all zu abwägig. 😉

      Liebste Grüße!

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