Au revoir, ihr jungen Leben

Erwachsen werden, bedeutet das gleichzeitig auch alt werden? Im Moment habe ich das Gefühl in der Zeit stehen geblieben zu sein, während all meine Freunde ihre Zukunft planen. Da passiert so, so viel. Die einen werden Eltern, die anderen ziehen zusammen, der eine macht Karriere, der andere will sich ein Haus kaufen. Als geballte Ladung von all diesen Plänen zu hören, das ist wie von einer Lawine überrollt zu werden. Sie nimmt ihren Lauf, wird immer schneller und schneller und lässt eine nicht zu reparierende Verwüstung zurück. Und ich lebe weiter in den Tag, ins Jahr hinein, gucke einfach mal so was kommt, ohne irgendwas zu planen – und dass, obwohl ich doch sonst alles immer penibel durchdacht haben muss. Ist das meine Art des Erwachsenwerdens?

Meine Freunde haben eh schon wenig Zeit, doch kriege ich sie überhaupt noch zu Gesicht, wenn der eine ständig in der Arbeit herumhängt, die anderen sich in ihren eigenen vier Wänden einigeln, um das neue Glück der Zweisamkeit zu genießen, während wieder andere ihr Kind großziehen? Ist ihr Zeitplan dann auf „Erwachsen werden“ ausgerichtet? Ich stelle sie mir in Anzügen vor. Ich stelle sie mir als eigene kleine Familie vor. Als Lebenspartner. Als Hausbesitzer mit Garten. Als Vorzeigeperson. Als Spießer. Und wenn ich sie mir dann so vorstelle, sind sie nicht mehr die Leute, die ich vielleicht einmal gekannt habe. Die, mit denen ich innerlich noch immer jung geblieben bin. Die, mit denen ich Nachts Pläne für’s Weltenentdecken geschmiedet habe. Werden sie mir immer fremder, werden unsere Freundschaften immer oberflächlicher, bis sie zu lockeren Bekanntschaften geworden sind? Werden sie mir dann das „Sie“ anbieten?

Mir ist klar, dass das Leben nicht immer so weitergehen kann. Dass ich nicht jeden Tag mit den Leuten verrückte Dinge erleben werde, dass nicht jeder Tag wie ein riesiger, großer Sommertag ablaufen kann und dass ich irgendwann alleine klar kommen muss. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass „Erwachsen werden“ und „Eigenständigkeit“ und womöglich auch „Einsamkeit“ für mich zusammengehören. Da wird es keinen Weg drumherum geben. Beteuerungen und Versprechen sind nur leere Worte und Versprechen werden gebrochen, sobald sie aufgestellt sind. Vielleicht werden sie nicht mutwillig zerstört und dennoch läuft es darauf hinaus.

Wenn man sich die Freunde einer Person anschaut, dann erfährt man ja bekanntlich ziemlich viel über diese Person. Wenn ich mir meine Freunde in ein paar Monaten anschauen werde, werde ich mich selbst nicht mehr in ihnen erkennen. Sie werden nicht mehr mein Spiegel sein. Ich werde hinterherhinken, zurückbleiben. Ich werde kein Haus besitzen, kein Kind haben, keine Beziehung für immer führen, keine Karriere machen. Weil ich das alles noch nicht will. Ich werde weiterhin ich sein und trotzdem werde ich die sein, die anders ist. Weil alles sich weiterentwickelt und ich stehen geblieben bin. Weil ich mich zu jung fühle, diesen Weg jetzt schon mit ihnen zu gehen.

17 replies to “Au revoir, ihr jungen Leben

  1. bevor du dir – zu unrecht – klein und winzig, einsam und erfolglos vorkommen könntest: keine torschlusspanik, das leben mit vielen verpflichtungen läuft dir nicht davon.
    haus, karriere, familie kosten einen sehr hohen preis.
    step by step..
    alles gute

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  2. Bitte behalte dir deine Einstellung noch ein wenig. Ich dachte auch mal, dass ich nun erwachsen wäre und alles nun seinen Weg gehen würde. Ich hatte geheiratet und ich dachte, dass es genau so weiter laufen würde.
    Allerdings läuft es ja immer anders als man denkt. Mitlerweile bin ich wieder geschieden und lebe alleine für mich und muss leider feststellen, dass ich einiges an Zeit nicht genutzt habe. Trotzdem fühle ich mich jetzt gut und ich versuche eben nicht, komplett erwachsen zu sein.
    Wohl dem, der bei sich immer etwas kindliches oder jugendliches behält. Ich denke nicht, dass es erstrebenswert ist, möglichst schnell „erwachsen“ zu werden. Schließlich müssen wir das alle, in unserem Leben, lange genug sein.

    Thodde

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar und somit für deine offenen Worte!
      Vielleicht denkst du im Moment ja noch, dass du die Zeit nicht genutzt hättest, aber womöglich ergibt das später alles einen viel größeren Sinn. Die Hauptsache ist ja, dass du dich jetzt wieder wohlfühlst, dass es dir jetzt mit der Situation wieder gut geht.
      Bemerkenswert, dass du dir dein „jugendliches ich“ nun behälst – bitte weiter so!

      Viele Grüße
      Ines

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  3. Letztes Wochenende gab es in T.’s Freundeskreis einen Heiratsantrag..sie 22, er 24. Sagen wir mal so..ich finde es mutig..für mich sind das aber so Sachen die einfach wirklich noch richtig, richtig weit weg sind. Mein Papa hat damals gesagt, er heiratet nicht, bevor er 30 ist..fand ich eigentlich immer ziemlich cool, befürchte aber, dass selbst die 30 viel schneller kommt, als sie soll.

    Habe aber die Hoffnung, dass auch wenn man irgendwann als vermeintlich Erwachsene mit Job, Familie, Haus und Hund dasteht vllt trotzdem noch ein bisschen was von seiner jugendlichen „Credibility“ beibehält und nicht der typische Spießer wird, der jeden Samstagmorgen pünktlich den Rasen mäht. Es ist ja immer das, was man selbst daraus macht.

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    1. Mutig ist das richtige Wort. Vielleicht klappt es ja gut bei den beiden, womöglich sind sie ja dafür geschaffen 😉
      Aber trotzdem: Auch deinen Vater kann ich mit seiner Aussage gut verstehen! Allerdings hast du Recht, die Zeit vergeht so schnell und man wird ja doch nicht jünger.

      Das wünsche ich dir auf jeden Fall von ganzem Herzen (:
      Du wirst die Balance sicher gut halten können, wenn es denn irgendwann mal soweit sein sollte.

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  4. Jeder wird auf andere Art und Weise erwachsen, Ines: Du wirst und BIST es auf Deine Art.

    Erwachsen zu werden oder zu sein, MUSS nicht mit „Spießer sein“ einhergehen. – (Abgesehen davon kann ich mit diesem Begriff sehr wenig anfangen, zu großen Teilen ist er ein in Lettern gegossenes Vorurteil, finde ich immer wieder.)

    Leben in beruflichem Alltag, mit einer Familie, mit einem Kind, mit mehereren Kindern bedeutet sich ändern, verändern zu müssen. Es bedeutet aber nicht, sich selbst aufzugeben, aufgeben zu müssen. Das Leben ist ein Kompromiss. Und es gibt gute, tragfähige Kompromisse. Freilich sind die nicht immer leicht zu haben, muss man dafür etwas investieren, und ja, mitunter erleidet man dabei auch Rückschläge.

    Erwachsensein und Einsamkeit bedingen sich keineswegs. Freundschaften können so oder so verloren gehen, aber es gibt auch immer wieder Chancen, das neue entstehen. Sehr lange halten immer nur ganz, ganz wenige…

    Bleib wie Du bist, so wie Du bist, bis Du gut!

    Deine kleine „young-life-crises“ überstehst Du, ich habe die auch überstanden, damals 🙄 … 😉 – da kommen später noch ganz andere „Geschütze“ … :yes: 😉

    Liebe Grüße und einen virtuellen Kelch Zuversicht!

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    1. Ich glaube mich stört gar nicht so sehr das Erwachsenwerden an sich. Nur einfach das, dass meine Freunde so viele Pläne haben und man alleine so schlecht jung bleiben kann. Habe ich zumindest das Gefühl. 😛

      Nein, nein, kaum einer wird spießig, wenn er erwachsen wird. Ich musste das ganze nur ein bisschen dramatisieren.

      Ich hoffe, wenn es irgendwann einmal so weit sein sollte, dass ich einen guten Kompromiss finde. Denn mein eigenes Leben, mich selbst, möchte ich dafür nicht aufgeben.

      Herzlichen Dank für deine lieben Worte.
      Die besten Grüße
      Ines

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  5. Ich gebe Schweitzer Recht :
    Du bist auf Deine Art „erwachsen“, denn Du hast so viele Fähigkeiten !
    Karriere,Familie etc. müssen nicht unbedingt Lebensziele sein !

    Ansonsten kann ich nur sagen :
    Sei froh, wenn Du Dir das KIND in Dir bewahrst,
    und damit die Freude an schönen Dingen und die Fähigkeit sie zu sehen, und darüber so schön zu schreiben !!!

    Bleib bitte wie Du bist ! 😉
    Liebe Grüße aus dem heißen >Berlin,
    Bärlinerin

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  6. meine liebe – du BIST auch zu jung für diese ernsthaftigkeit. gerade, wenn man noch studiert (in dem alter ja völlig normal, ich war 27 beim abschluss), ist das doch alles ein bisschen anders mit der lebensplanung und dem erwachsenwerden.

    weißt du, ich bin 31, und mir geht es IMMER NOCH so. 😉 gut, ich habe inzwischen geheiratet, gehe arbeiten und bin ruhiger geworden, was das partyleben angeht (aber nicht ZU ruhig ;D). aber ich fühle mich von häuslebauern und kinderkriegern ebenfalls noch überrollt. ich wäre am liebsten bis 50 fruchtbar und würde erstmal noch 15 jahre mein geld für urlaube rauskloppen, statt für eigentum und kinder. ich liebe es, ins wochenende oder in den feierabend reinzuleben und dinge zu tun, die anderen nicht sinnvoll genung wären (bloggen, z.B.). ich erledige die pflichtne immer ganz schnell, damit ich mehr zeit für’s chillen habe. wenige menschen in meinem alter verstehen noch, wie man seine zeit so verbringen kann. mit leichtigkeit.

    also, du bist nicht allein, und du bist süße 23 und hast ein recht auf deine jugend und solltest dir an der uni ein paar leute suchen, die gerne so leben wie du. die gibt es dort noch und nöcher!

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    1. Aufmuntern ist auf jeden Fall eine deiner Stärken: Vielen Dank für die lieben und aufbauenden Worte!

      Es ist wirklich schön zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die anders sind und nicht immer mit dem Strom schwimmen. Die ewig jung bleiben und das machen, wozu sie Lust haben! Viel zu viele leben ein Leben im Stress, ohne jegliche eigene Wünsche und werden immer verbitterter.
      Du nicht! Mach das ja weiter so wie du es machst. Behalte dir das unbedingt bei. (:

      Mit dem Studium hat das leider nicht viel zu tun: Die meisten der genannten Leute sind Studenten oder gerade mal so ins Arbeitsleben gestartet… Umso verwirrender für mich.
      Leider ist meine Studienzeit ja auch erstmal so gut wie vorbei. Es wird also schwieriger solche Menschen zu finden, aber Herausforderungen sind ja auch viel spannender als wenn einem alles zugeflogen kommt. 😛

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      1. also, DAS ist allerdings auch verwirrend für mich. es gab bei mir im uni-freundeskreis schon auch leute, die schon schwanger wurden oder werden wollten. aber das war eine minderheit. und an ernsthaftigkeit und gar hausbauen war schon gar nicht zu denken! in dem alter?! nee.

        ja, es wird schwieriger, solche leute zu finden. es kommt dann auch immer auf den job an. in meinem job gibt es, sorry, fast nur langweilige kollegen. ernsthaft, bequem, erwachsen. trotzdem liebe leute, aber mit denen kannste keine pferde stehlen. meine freundin wiederum ist single und hat so viele leute aus ihrem job, mit denen sie tolle freundschaften hat, schöne urlaube, partys, abende, tage verbringt. also, es gibt sie, diese leute. nur nicht im öffentlichen dienst. :))

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      2. Sehr komisch, wie sich das alles immer weiter ändert. Aber ich halt mich da trotzdem noch dezent von fern. 😛

        Deine Freundin hat aber wirklich Glück. (:
        Ich werde die Augen offen halten, ob ich solche (scheinbar mittlerweile) selteren Exemplare auch noch finden werde. 😉
        Manchmal ist es ja auch gar nicht so vorteilhaft, wenn man mit seinen Arbeitskollegen befreundet ist. Immer positiv sehen. 😀

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