Mit Passenger im Niemandsland

Das Radiokonzert begann um 18 Uhr. Pünktlich auf die Minute. In mir kribbelte es schon. Ich hatte Mike im Mai diesen Jahres schon einmal auf einem Konzert gesehen und hoffte inständig, dass das Publikum hier nicht ganz so langweilig sein würde, wie sie es dort gewesen waren. Meine Befürchtungen bestätigten sich zum Glück nicht.
Kurze Anmerkung: Erste Reihe, erste Reihe!

Der schlanke Engländer trat auf die Minute genau auf die Bühne. Er hob zaghaft die Hand, mit der anderen umfasste er fast krampfhaft seine Gitarre. Als er am Mikro ankam begrüßte er uns mit “Moin, moin”, die einzigen Deutschen Worte, die er wohl kannte. Er eröffnete uns ziemlich schnell, das er vor solchen großen Publikum immer recht nervös war. Das machte ihn direkt noch sympathischer. Nicht, dass ich diesem Kerl dort oben irgendwas hätte abschlagen, oder ihn gar unsympathisch hätte finden können. Ich verlor mich direkt in den ersten Zeilen seiner Lieder. In seiner Stimme, diese glasklare, einzigartig, wundervolle Stimme. Die, die direkt ins Herz geht und auch drin bleibt.

Bei Fairy Tales & Firesides pustete ich ihm die ersten Seifenblasen entgegen. Irgendwie hatte ich dann leider direkt die komplette Aufmerksamkeit aller Fotografen und Kameraleute. Nur bin ich jemand, der sich nicht gerne beobachtet fühlt. Als die ersten Blasen bei ihm ankamen und er aufschaute, ihnen mit den Augen folgte und ein bezauberndes Lächeln auf seinem Gesicht erschien, war es mir jedoch egal.
Er hatte vorher angekündigt, dass dies kein Konzert zum Freuen ist. Seine Songs sind traurig, voller Herzschmerz und Lebensgeschichten. Er hoffte, dass wir nicht weinend nach Hause gehen würden. Wer auf diese Stimme lauschte, diesen Mann ansah, dem musste einfach warm ums Herz werden. Wie viel Anteilnahme er gegenüber anderen Personen zeigt, sich die Geschichten von ihnen anhört, sie in seine Lieder einbaut. Wenige Künstler machen dies heute noch. So zum Beispiel in Travelling Alone. Sound of Silence und Patient Love. Lieder, bei denen man es nie leid wird, sie zu hören. Hier kam der englische Humor durch, wie es mir schien. Bei Patient Love verkündete er vorher ernst: “Der Song handelt davon, wenn ihr auf jemanden wartet den ihr liebt, aber derjenige vielleicht gar nicht auf euch. Es ist ein sehr, sehr fröhlicher Song.”

Immer wieder, nach jedem Lied, bedankte er sich für dieses großartige Publikum. Wir wären fantastisch, amazing, so so so wonderful. Cheers. Er kam aus dem sich bedanken gar nicht mehr wieder heraus. Einer der schönsten Gigs seit Langem. (Glaub ich jetzt nicht unbedingt, aber besser als in Bonn, war es allemal.) Wie gewohnt stimmt er zu I Hate an, und alle Menschen rasten förmlich aus. Sie hassen mit ihm, all das schlechte und unnütze in dieser Welt. Die Geschichte zu Let Her Go gibt er ebenfalls zum Besten. Er hätte nie gedacht, dass dieses Lied so einschlagen würde. Manche Songs brauchen Ewigkeiten um geschrieben zu werden, diesen schrieb er in 45 Min. – Ein neuer Song über seine Ex-Freundin. Daran wird ganz klar deutlich, dass er alles zu Gold werden lassen kann. Ob er nun von verlorener Liebe oder dem Weltuntergang singen würde. Ich kaufe ihm alles ab. Weil er es ehrlich und mit einer ganzen Portion Gefühl herüberbringt. Er ist bodenständig und kann seinen Erfolg immer noch nicht fassen. Seine Hand an seinem Herz, immer wieder, so ergriffen war er. Wer ihm dies nicht abkauft, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Es ist wie eine Gefühlsachterbahn, auf die man sich mit ihm begibt. Mal schwebt man im siebten Himmel, über all den anderen Menschen. Wenn dann noch sein Blick, deinen Blick trifft, denkst du tatsächlich niemand anderes ist mit in diesem Raum. Niemand. Nur du und er. Und all der Herzschmerz, all die Stories. Und eine Portion Humor.
Dann wiederum bringt es dich zurück ins wirklich Leben. Seine weisen Worte, all das, was niemand sonst in Worte zu fassen vermag.
Lieber Mike, bitte höre niemals auf mit dem, was du da machst. Ob du nun laut singst, all den Frust herausschreist, oder nur noch leise flüsternd, ohne Mikro, vor dich hinmurmelst. Mach es genau so weiter.

Zum Ende hin bat er sein Publikum um den Gefallen, die Smartphones wegzustecken und dieses Lied ohne Wand zwischen sich und den Menschen zu genießen. Sehr, sehr gerne waren alle dazu bereit. Und als wir mit ihm sangen, verabschiedete er sich und verschwand von der Bühne. Die Stimmung im Raum blieb. Das Publikum sang einfach weiter und genau solch ein Abgang hatte mir bei Ed Sheeran schon eine Gänsehaut gezaubert. Ed kam nicht zurück, doch Mike konnten wir für eine Zugabe auf die Bühne zurück singen. Nicht nur wir waren überwältig von ihm, scheinbar war er das auch von uns. Er hätte Gänsehaut, sagte er. Bei Holes griff er sich erneut ans Herz, lächelte und bemerkte: This is a Moment!

Das Konzert ging viel zu schnell rum und meine Seifenblasen waren noch lange nicht leer. Wir reihten uns draußen bei den andern ein, in der Hoffnung ihn noch zu erwischen. Tatsächlich ließ er uns nicht allzu lang im Regen stehen. Ich war wieder 14 Jahre alt und Fangirl.
Und als er das “Hey” freundlich ausspuckte, als wären wir die ersten, die er an diesem Abend begrüßte, seine Unterschrift auf die Karte setze und mich ansah, wusste ich: Dem werde ich endgültig, unwiderruflich verfallen sein. Alle letzten Zweifel wurden ausgetrieben, als ich ihn nach einem Foto fragte und er mir sagte, er müsse zum Flughafen. Mit Schmollmund und Hundeblick schaute ich ihn an. Die Wirkung traf zwar nicht ganz das Ziel, aber immerhin schaute er genauso identisch zerknirscht zurück. Wenn das mal nicht ein Moment zum Festhalten war.

Setlist
Fairytales & Firesides
Life’s For The Living
Caravan
Travelling Alone
Sound Of Silence
I Hate
Patient Love
Let Her Go
27
Whispers
Scare Away The Dark
Holes

2 replies to “Mit Passenger im Niemandsland

    1. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß. 🙂
      Die Konzerte von ihm sind immer noch mal emotionaler als seine Musik so schon ist. Die Stimme einzigartig und er ein so bodenständiger Typ.
      Ich drück dir die Daumen, vielleicht schaffst du es ja in die erste Reihe!

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