Open Flair Festival// Sonntag: Zur Liebe links entlang, bitte

Schweigend stehen wir – wie auch in den Tagen zuvor- an der Hauptbühne. Die Kraft ist gewichen, die Tage sind verflogen. Doch trotzdem wollen wir den Tag noch genießen und das ganze ordentlich feiern.

Wir starten mit Itchy Poopzkid in den Sonntag. Sympathische Band, die ich vor 2 Jahren schon einmal auf dem selben Platz dort oben gesehen habe. Auch heute reißen sie ihre Witze und legen eine nette Show hin. Ich lasse meinen Blick über die Leute um mich herum schweifen. Unmittelbar neben mir steht ein Typ mit Lockenschopf, Sonnenbrille und Bier in der Hand. An seiner Hose baumelt der Backstageausweis für Künstler. Er kommt mir ziemlich bekannt vor, aber egal wie angestrengt ich nachdenke, ich kann ihn einfach nicht einordnen. Was ist das für ein Künstler? Sänger? Schlagzeuger? Bandmanager? Während des gesamten Auftrittes zermartere ich mir den Kopf darüber. Zwischendurch lächeln wir uns an, wenn unsere Blicke sich treffen. Fast so, als hätte er mich erkannt, obwohl ich nicht zu erkennen bin. Mir fehlt weiterhin die Erkenntnis.

Es folgen gegen frühen Abend die Donots. Ebenfalls eine hibbelige, witzige Band. Und während ich die untergehende Sonne auf den Gesichtern der Bandmitglieder begutachte, taucht neben mir ein alter Bekannter auf. Am Wellenbrechher links lehnt lässig der „unbekannte Künstler“. Ich starre gebannt nach vorne und vermeide es ihn anzustarren. Ein Blick nach links auf seine Hände: Red Bull Becher gibt es als VIP sogar mit Strohhalmen. Immer wenn ich gerade ganz kurz davor bin, ihn zu fragen, woher ich hin kenne, schlucke ich die Worte wieder herunter und presse die Lippen aufeinander. Ich hasse es, etwas nicht zu wissen, was ich eigentlich weiß. Ich will selbst darauf kommen.
Nachdem die Donots das Publikum zum Müllumherwerfen aufgefordert haben, habe ich das Gefühl, der Kerl würde immer näher kommen. Ich täusche mich nicht. Mein Arm streift seinen Arm. Sein Körper klebt an der linken Seite meines Körpers. So bleiben wir verharrt wie fremde Liebende und warten auf irgendetwas. Auf ein Wort des anderen. Wie lange wir da so stehen und aneinander vorbeigucken, weiß ich nicht. Und plötzlich ist er weg. Neben mir entsteht eine Lücke. Ich wusste nicht, dass Fremde einem so nahe sein können.

Die Hälfte meiner Begleitung am heutigen Tag, habe ich schon vor Stunden verloren. Wahrscheinlich lachen sie über unlustige Witze und quasseln jede Frau an. Betrunkene Männer. Dafür habe ich meinen Bruder wiedergefunden. Und auf der Bühne eine Band, die eher nicht nach meinem Geschmack ist: In Flames. Zu laut, zu hektisch. Nichts, wenn man gerade in den Gedanken feststeckt. So starre ich also abwesend, mit nickendem Kopf, durch die Gegend. Um mich herum Menschen, die textsicher sind, die voller Freude und Euphorie ihrer Band zujubeln. Ich warte weiter, kriege Literweise Wasser von den Sicherheitsmännern ins Gesicht und schaue diesen genannten Menschen beim durchdrehen zu. Solch ein Sicherheitsteam sieht man auch nur auf diesem Festival…

An der Freibühne setzen wir uns hinter den Bierstand. Die Leute drängeln sich umher, wie ein wild gewordener Ameisenhaufen. Es wimmelt und wuselt. Pohlmanns Stimme ist nur minimal lauter, als der Geräuschpegel um mich herum. Aber seine Stimme trifft mich ins Herz. Ich mag diese Musik, diesen Mann, diese Texte. Es macht mich zwar müde, hier auf dem staubigen Boden zu sitzen, mit dösenden Leuten um mich herum, Musik zu lauschen und das Gemurmel von 10.999 anderen und doch kann ich mir im Moment nichts Schöneres vorstellen. Das Glück wäre perfekt, wenn ich etwas zum Anlehnen hätte. Mein Rücken straft mich.
Kurz vor Ende des Guten-Mannes-Auftritt, raffen wir uns auf und schlendern zurück zur Hauptbühne, um auf die nächste Band (Highliiiight) zu warten. Und wenn jetzt Sommer wär‘ verfolgt uns und umhüllt uns den ganzen Abend hindurch.

Es wird voller und voller. Plötzlich sind alle Menschen vom Zeltabbau wieder zurück auf dem Gelände und wollen die legendäre Show von Deichkind sehen. Wir befürchten, dass wir ziemlich enttäuscht nach Hause fahren werden, weil so viele Leute unsere Erwartungen gepusht haben. Mein Blick landet jedoch wieder woanders. Ich schaue mich in der Menge um und sehe schräg hinter mir einen jungen Mann mit Bart und Cappy stehen. Seine Teddyaugen sind auf mich gerichtet. Ich kann diesem Blick nicht Stand halten – Ich Weichpappe.
Muss ich auch nicht, denn während rechts noch “ Ein belegtes Brot mit Schinken“ gegrölt wird, ist es schon so weit. Hinter einem weißen Tuch betreten und verstecken sich Deichkind auf der Bühne.

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Dramatischer und länger kann ein Beginn nicht sein. Als das erste Lied folgt, rasten alle aus. Neben mir links steht stockstarr der Kumpel meines Bruders, rechts mein Bruder selbst. Sie sind Felsen in einem tosenden Meer. Ich als kleine umherschwirrende Alge habe mich zwischen ihnen verfangen. Links schmuggelt sich eine kleine Seele weiter nach vorne. Mein Blick trifft seinen Blick. Arme fliegen in die Luft, Körper springen als Einheit im Takt. Wie Flummis. Es muss von oben wie ein riesiges, pulsierendes Herz aussehen. Meins spüre ich in meiner Brust.
Deichkind ziehen eine phänomenale Show ab. Wir wurden nicht enttäuscht. Von Kostümen und Wasserpistolen, über riesige Fässer, hin zu springenden Menschen, die auf der Bühne umherjumpen. Dreiecke auf der Bühne, Dreiecke aus Menschenhänden. Tausende. Alles leuchtet. Sein Blick und mein Blick. Wir glühen. Die Liebe liegt heute zwei Mal links von mir.

 

4 replies to “Open Flair Festival// Sonntag: Zur Liebe links entlang, bitte

  1. fantastisch beschrieben, die athmosphäre des musikfestivals, aber auch deine eigenen an- und abschwellenden gefühle dabei, und komisch, ich bin dabei, hab mich beschrieben gefühlt in dem fremden ohne namen. ich hoffe, er ist dir noch eingefallen. aber wahrscheinlich erst, als es zu spät war, und nun willst du ihn nicht mehr nennen. witzig!

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    1. Vielen Dank für deinen netten Kommentar. Es freut mich, dass zumindest etwas davon rüber kommt, wie ich es erlebt habe. 🙂

      Leider ist mir das Name nicht eingefallen. Auch jetzt noch nicht, wo es zu spät ist. Schade drum, aber nicht weiter schlimm.
      Vielleicht bekomme ich irgendwann noch einen Gedankenblitz. 😉

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