Ein Date mit Philipp Poisel

Es ist 17:10 Uhr. Auestadion Kassel. Der Tag ist heiß. Die Sonne knallt auch jetzt noch.
Einlass sollte vor 10 Minuten sein, aber man möchte sich ja nicht beklagen. Zumindest nicht darüber. Zu beklagen gab es später noch genug.

Die Schlange schreitet voran. Das gelbe Bändchen um meinem Handgelenk ist ein Blickfang im Licht. Unsere Eintrittskarte nach vorne. Und weit vorne stehen wir. Direkt vor der Bühne. Doch noch immer ist so viel Zeit.
Vorhin haben wir Wortfetzen aufgeschnappt. „Halb 10 beginnt er zu spielen. 3 Vorbands.“
Ich frage mich immer wieder, warum er das tut. Warum er so viele Vorbands mitschleppt, obwohl man nur auf ihn wartet.
In unbeschreiblicher Hitze, zwischen „tausend Farben, tausend Lichter, tausend Farben und Gesichter und irgendwo dazwischen du“.

Die erste Vorband beginnt um 18:20 Uhr. Ich möchte wirklich nicht böse klingen, aber das war absolut nicht mein Fall. Benjrose. Da kommt da nun ein dünner Mann auf die Bühne, versteckt hinter seinen Haaren und alle erwarten großes. Es war zu groß. Aber nicht für uns, sondern für ihn. Er konnte das Stadion nicht unterhalten. Niemand kannte diese Band. Es ist eine Mischung aus Boyband und Rockband und der Sänger hampelte nur rum. Außerdem sang er immer das gleiche, wie es mir erschien. Zum Glück waren die 30 Minuten dann auch schnell um.

Nach kurzem Warten trat Alin Coen auf. Die zarte Frau hatte ich beim letzten Poisel Konzert schon gesehen. Ein bisschen Freude überkam mich schon, dass die Musik nun besser wurde und die Lieder mehr Gefühl hatten. Alin muss man einfach mögen. Alleine schon wie sie mit ruhiger Stimme ein Kompliment an das Publikum gibt, wie wunderschön wir doch im Sonnennlicht aussehen.
Aber ich hatte mich zu früh gefreut. Die dritte Vorband stand noch an.

Maria Mena. Sobald diese auf die Bühne kam, wollte ich nach Hause gehen. Mittlerweile taten mir die Beine weh und da machte es ihr furchtbarer Gesang nicht besser. Wer mich kennt weiß, dass ich keine Frauenstimmen (bestimmte Ausnahmen gibt es immer) hören kann. Ich mag es gar nicht, wenn Frauen singen. Es klingt für mich alles gleich und alles schrecklich. Wie gesagt Ausnahmen gibt es. Aber dieses Exemplar dort auf der Bühne, mit gequälten Blick und eingebildeter Haltung, war defintiv KEINE Ausnahme. Irgendwann musste ich mir kurz mal die Ohren zuhalten, weil die Stimme so grässlich war. Irgendwnan setzten wir uns dann auch einfach zwischen all die gespannten Gesichter. Ein Sitzstreik quasi.
Ich war wegen Poisel hier, ihr Menschen. Nicht wegen einer Frau die vor Jahren mal zwei „Hits“ hatte. Die im Übrigen auch nicht gut waren. Also aßen wir erst einmal unser Brot und warteten bis 21 Uhr weiter. Auf dem Boden. Zwischen Geschmacksverirrten.

21:00 Uhr. Die Band von Poisel tritt auf die Bühne und beginnt zu spielen. Das Publikum rastet aus. Kurze Zeit später folgt Philipp. In schickem schwarzem Hemd, schwarzer Hose und Hosenträgern. Er hat sich herausgeputzt, der kleine Herzensbrecher. Apropos Herzensbrecher: Wieder und wieder und mit jedem neuen Lied wollte ich ihn einfach nur in den Arm nehmen und ihn ganz fest drücken.
Wie authentisch er dort oben stand. Vor etlichen Leuten und seinen Gefühlen freien Lauf ließ. Nach dem dritten Lied fragten wir uns wirklich, ob er weinte. Möglich wäre es.
Vor „Wo fängt dein Himmel an“, hielt er noch eine nette Rede über das Mädchen aus Schweden, in das er einst verliebt war. „…und wenn man dann verliebt ist, dann verliebt man sich auch irgendwie in alles drumherum.“
Das konnte ich nachvollziehen. Alle meine Rücken- und Knieschmerzen waren vergessen. Ich war verliebt. In Philipp. In Kassel. In die Welt.

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Nach einigen seiner bewegenden Liedern verschwand er plötzlich von der Bühne. Nach 10 Minuten tauchte er plötzlich in der Mitte des Stadions auf. Auf einer kleiner Bühne. Mit Gitarre. Seine Band folgte. Ebenso Alin Coen und Florian Ostertag. Und nun standen sie dort, in der Dämmerung, angestrahlt von Scheinwerfern und sangen „Im Garten von Gettis“. (Wo er sich prompt versang, was ihm aber keiner übel nimmt, weil er es einfach überspielte.)
Dann wechselte er wieder auf die große Bühne und spielte Lieder wie „Froh dabei zu sein“, „Eiserner Steg“ und „All die Jahre“.
Der Mond hing direkt über dem Stadion, als hätte er ihn für uns bestellt. Und wahrscheinlich hat er das auch. Vielleicht genau so wie das Wetter. Denn nachdem die Sonne untergegangen war, war es ein lauer Sommerabend. Die Fliegen tanzten im Licht und sahen aus wie kleine Glühwürmchen. Ich konnte nicht genug bekommen.

Auch „Wie soll ein Mensch das ertragen“ und „Liebe meines Lebens“ gingen einem so ans Herz, dass man sich sich schon zusammenreißen musste um nicht loszuheulen. Plötzlich war man wieder 14 Jahre alt und von Gefühlen überwältigt.
Mit „Als gäb’s kein Morgen mehr“ übertraf er sich dann selbst. Alle sangen mit, und er tanzte. Er tanze als gäb’s kein Morgen mehr. Und alle tanzten mit. Denn was interessiert einen schon, was morgen ist.

Leider verschwand er dann auch schon recht bald. Diesmal tauchte er nicht auf der kleinen Bühne auf. Er blieb weg und kam erst wieder, nachdem „Zugabe“ gekreischt, geschrien, krakelt wurde. Die Zugabe hatte es in sich. „Ich will nur“ spielte er wie gewohnt auf Klavier. „Und wenn die Welt“ folgte prompt.

Einfach bezaubernd. Verwunschen. Gefühlvoll. Emotional. Wunderbar. Herzallerliebst. Mir fehlen die Worte.
Also leihe ich mir seine: „Vielenvielenvielenvielenvielenvielenvielenvielenvielenvielen Dank!“

6 replies to “Ein Date mit Philipp Poisel

  1. Du hast einen sehr schönen Schreibstil 😉 Finde deinen Beitrag sehr klasse, bewegend,mitfühlend und emotional 😉
    Du hast alles sehr Detailliert beschrieben und sehr Spannend 😉 Freue mich schon auf weitere Beiträge von dir 😉 Mach bitte weiter:)

    Grüßelis Discordiia 😉

    P.S. Leider kenne ich diesen Interpret nicht ;/ Gibt es evtl. auf You Tube oder anderen Portalen Videos, wo man sich die Band anschauen kann?

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    1. Vielen lieben Dank für deinen netten Kommentar 🙂
      Ich freue mich immer sehr über solch wundervolle Komplimente.

      Musik vom Philipp gibts hier:

      Vielleicht gefällt’s dir ja, auch wenn es teilweise recht melancholisch ist.

      Viele Grüße,
      Ines

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  2. Hallöschen Ines,

    Vielen Dank nochmals für deinen tollen Eintrag, fand den total klasse, hat mich sehr gefreut 😉

    Ich höre oft je nach Stimmungslage auch ergreifende Lieder von verschiedenen hauptsächlich englischen Interpreten… Dies hier ist aber echt was ganz anderes…

    Wow, der Text geht einem echt unter die Haut und regt zum nachdenken an sehr wundervolles Lied 😉

    Gut mein Musikgeschmack ist etwas merkwürdig und hört nicht jeder^^ aber dieser Song,wow, der hat mich echt umgehauen, besser als dieses Pop/House oder Hip-Hop geduddel 🙂

    Ganz liebe Grüßelis,
    Teresa 🙂

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    1. Danke sehr 🙂
      Das freut mich sehr, dass er dir gefällt! 😉
      Ich finde es sind Gänsehautmomente wenn er anfängt zu singen.

      Mein Musikgeschmack hängt auch eher von meiner Laune ab,deswegen kann ich dich da gut verstehen.
      Welche Englischen Interpreten hörst du denn so? 🙂

      Liebste Grüße

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