Kohlestaub = Feenstaub (Dortmund)

Lange ist es her, seitdem ich das letzte Mal in Dortmund war. Genau genommen eine Woche. Und ich habe Dortmund trotzdem vermisst. Diese Stadt hat es mir angetan. Sie ist ja eigentlich nicht mal schön. Irgendwer scheint Feenstaub verstreut zu haben und dieser verzaubert mich und lässt mich eine Liebe zu diesem Ort aufbauen.

Das erste Wochenende verbrachte ich meist im Dunkeln hier. Tagsüber in anderen Städten unterwegs und abens in der Innenstadt oder in Bars rumhängen. Doch auch in der Nacht ist Dortmund wunderschön. Wenn man durch die beleuchteten, belebten Straßen zieht, fühlt man sich direkt heimisch. Hier ist alles möglich. Da verwundert es auch nicht, dass plötzlich riesige Schaukeln mitten in der Innenstadt stehen. Und so schwingt man sich mit einem Freiheits-Liebes-Gefühl durch die Nacht und hinein in den Sternenhimmel. Unter einem die hellen Lichter und gegenüber die besten Freunde. Ein perfekter Moment.

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Letzten Samstag jedoch waren wir nicht zum Schaukeln dort. Wäre auch gar nicht möglich gewesen. Rund um die Reinoldikirche tummelten sich Tausende Menschen und alle trugen Partnerlook. Schwarz und Gelb waren der Dresscode des Tages. Na, sicher. Wo (außer in Wembley) hätte man das Fußballspiel besser schauen können als in Dortmund?

Doch zuerst wurde ganz mädchenhaft geshoppt. In der Thier- Galerie selbstverständlich. Alles was das Frauenherz begehrt ist hier zu finden. Geschäfte voller Kleidung reihen sich aneinander. Und wer eine kleine Stärkung braucht fährt in den obersten Stock und futtert sich einmal im Kreis kugelrund. Aber lasst Platz für den Frozen Yogurt. Ich habe nirgendwo besseren gegessen als hier. Jedes Mal wieder schaufel ich mir die ganzen Schokosplitter, kleinen Kekse und Streusel drauf, so dass man den Yogurt eigentlich gar nicht mehr sehen kann. Jedes Mal wieder freue ich mich über den Genuß. Eine einzigartige große Liebe haben wir beide, der Yogurt und ich.

Nach dem shoppen verstauen wir die Tüten im Auto und ziehen uns Regenkleidung an. Gerade als ich in die Gummistiefel schlüpfe fängt es an zu schütten. Das Geräusch der Regentropfen auf der Kapuze und die Wasserspritzer, wenn wir durch die Pfützen hüpfen: Ich liebe das. Da nehmen wir auch gerne die komischen Blicke der anderen auf uns.
In der U-Bahn wird erst einmal gerangelt. Heute bleiben wir nicht unentdeckt. Immer wieder werden wir für unsere Schuhbekleidung gelobt und beneidet.
Einer der Brunnen wurde mit Waschmittel versetzt und so gibt es ein wundervolles Schaumbad für unsere Stiefel. Wir freuen uns wie Kinderschaumköniginnen. Noch viele Meter weiter platzen die kleinen Blasen bei jedem Schritt.

Unser Weg führt durch die schwarzgelbe Innenstadt zum Friedensplatz. Die Fans tummeln sich hier vor der Leinwand. Accessoire des Abends ist ganz klar das Bier. Wer es nicht in der Hand hält, hat es immerhin schon im Blut. Es ist 16 Uhr und die Leute sind alles andere als nüchtern. Aber sie wissen noch warum sie hier sind. Und so sind wir plötzlich und ganz selbstverständlich alle „Dortmunder Jungs“. Die echte Liebe der Borussen wird an jeder Ecke deutlich. Selbst dort wo sie rund ist.

Noch etliche Stunden bis zum Anpfiff. Der Friedensplatz wird dicht gemacht. Niemand darf mehr drauf. 10 Minuten nachdem wir ihn betreten haben. Dafür das Terrorwarnung ausgerufen wird, ist die Sicherheit wirklich schwach. Nicht einmal die Taschen wurden kontrolliert. Immer wieder werden Böller und andere Pyrotechnik gezündet.
Nach einer Stunde kennen wir die 10 Lieder, die sie nun in Dauerschleife spielen, auswendig. Wenn das von meinem Lieblingssender 1Live kommt, bin ich wirklich enttäuscht.
Noch entsetzter bin ich über die Toiletten. Die Männer stehen erst zu zweit hinter dem Bratwurststand, doch schon nach 20 Minuten hat sich eine ganze Anstehschlange gebildet. Wir Frauen haben es da leider nicht so leicht. Und so stehen wir eine geschlagene Stunde (das ist keine Lüge) für die Toiletten an. 50Cent für verstopfte Klos, oder eine 10er Karte für 4,50€. Vielleicht auch doch lieber die Tagesflat für 13€. Ich bepisse mich fast vor lachen und schmuggel mich einfach an der Toilettendame vorbei. Nicht mit mir, Frau.

Um 20:30 Uhr stehen alle bereit und hibbeln rum, als würden sie gleich DAS Event des Jahres sehen. Und das ist ja auch irgendwie so. Die Borussen singen sich warm. Nachdem sie sich warm getrunken haben.
Wir stehen nun auch im Gedränge und verfolgen die erste Halbzeit mit großen Augen. Als das Tor der Bayern fällt ist nach einem großen aufseufzen und Beleidigungen nur noch die Stille zu hören.
Davor habe ich mich gefürchtet. Davor, dass der BVB verliert und die Randalierer auf den Plan treten.
Zum Glück folgt das Gegentor. Und der Platz tobt. Bierduschen und Umhergeschubse. Geschreie und Gerangel. Die Leute jubeln und liegen sich in den Armen. Träume von einer Verlängerung. DANN würde der BVB gewinnen, sagen sie. Wir müssen es nur schaffen die 90 Minuten ohne ein weiteres Gegentor durchzuhalten.

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Doch jeder weiß: WIR haben es nicht geschafft. Der Regen plätschert nun stetig auf uns nieder. Wir sind durchgefroren bis auf die Knochen, doch wir wollen die Borussen gewinnen sehen. Leider wird unser Wunsch nicht erfüllt. Die Bayern (oder Nord-Österreich) entscheidet das Spiel für sich. Kurz vor Ende. Ohne Hoffnung auf ein Wunder.
Für uns ist es das trotzdem. Denn all die Dortmunder Jungs sind friedlich. Sie trösten sich gegenseitig. Sie sind echte und gute Verlierer. Auch wenn sie es dem FC Bayern nicht unbedingt gönnen und auch wenn sie die schöneren Gewinner gewesen wären. Ich hätte die Stadt gerne feiern sehen. Da hätte mir auch der Regen und die Kälte nichts mehr ausgemacht. Doch so freut sich keiner.
Alle räumen betrübt und niedergeschlagen den Platz. Die Fahnen und Schals hoch oben. Stolz. Stolz auf einen super Fußballverein, der ein wirklich gutes Spiel abgeliefert hat. Auch wenn es nicht gereicht hat: Sieger der Herzen sind sie.

Die Straßen sind noch immer voll und die U-Bahnen überfüllt. Die S-Bahnen fahren nicht mehr.
Das macht uns nichts. Wir toben auf dem Weg nach Hause trotz Niederlage mit den Gummistiefeln durch die Brunnen. Den Spaß lassen wir uns nicht verderben.

2 replies to “Kohlestaub = Feenstaub (Dortmund)

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