London (Tag 4) – Piratenland, ahoi!

Docklands

Am letzten Tag begrüßte uns der Himmel mit einem besonderem Geschenk: Die Sonne strahlte und es war kein einziges Wölkchen zu sehen. Um 9:30 Uhr ging es für uns endlich los. Auf die Docklands hatte ich mich besonders gefreut. Gerade bei diesem Wetter schien es viel versprechend. Die Docklands waren lange Zeit vor uns verborgen geblieben. Unser Bus rumpelte in eine enge Gasse hinein, blieb stehen und ließ uns aussteigen. Wir wurden zum hafen hinunter geführt. Ich schnappte nach Luft. Nicht wegen der Kälte, die im Schatten zu spüren war, sondern wegen der Schiffe, die dort lagen. Jachten, kleine und große. Die Häuser alle neu, Penthouse Wohnungen, Appartements. Ich fühlte mich wie an einem kleinen Ort an der Ostseeküste und nicht wie mitten in einer Metropole.

Das Wasser glitzerte im Sonnenschein. Einst Wohnungen für Arbeitslose hatte sich das Viertel nun zur Wohngegend der Neureichen heraufgesteigert. Die Wohnungen unbezahlbar, die Boote ebenfalls. Schön ruhig war es hier. Oft kommen im Sommer die Scheichs mit ihren kompletten Familien und ihren dicken Jachten angereist. Die Schiffe passen dann kaum durch die Schleusen hindurch und es muss auf hohes Wasser der Themse gewartet werden. Ach, was wäre das für ein Leben! Ich würde auf den Balkonen sitzen, die Stadt beobachten, ein Guinness trinken und die Welt genießen.

Wir hetzten weiter durch die Docklands. Immer noch fragte ich mich, wie diese Schiffe alle in die Hafenbecken gekommen waren. Ich sah keinen vernünftigen Ein- oder Ausgang. Alles war verwinkelt und entzog sich meinen Blicken. Wir hielten wieder an. Dachgeschosswohnung, 2.5 Millionen Pfund, ein Schnäppchen, doch leider schon verkauft. Der rote Kran vor dem Fenster, denn all diese Gebäude hier wurden damals als Lagerhallen genutzt. Nun ging es hier wesentlich ruhiger zu. Bis jetzt waren wir keinen anderen Menschen begegnet. Ein Blick in das teure Restaurant und ab um die Ecke. Auch hier Boote und hohe Lagerhäuser die nun Wohnungen beherbergten. Eine verlorene rote Telefonzelle stand an der Wand. Alles sah so wundervoll idyllisch aus. Nun lag ein kleiner weißer Pavillion direkt vor uns. Einst für die Queen gebaut, hatte sich nun Starbucks darin eingenistet. Unfassbar. Schräg dahinter waren die alten Kähne zu bewundern. Mit langen Armen griffen sie in den Himmel. Wer solch einen alten Kahn besitzt, darf ihn sogar kostenlos in den Docklands abstellen, alle andere Boote mussten zahlen.

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Über Brücken und Stege kamen wir an eine Art Aussichtspunkt an, von der aus man die Tower Bridge betrachten konnte. Sie wirkte viel pompöser als vor ein paar Tagen. Die Sonne machte alles möglich. Selbst die müden Gemüter erweckte sie aufs neue. Ein paar Schritte weiter kamen wir an dem besagten Haus vorbei, in dem Charles seine Diana betrogen hat. Die Wohnung eines Freundes, die für die Schäferstündchen bereitwillig zur Verfügung gestellt wurde. Für uns ging es weiter an den Häuserfronten entlang. Vorbei an blauen Dachrinnen und braunen Türen, kleinen Wohnanlagen und netten Hinterhöfen. Als wir um eine Ecke schritten stand plötzlich unser Bus vor uns, der uns einsammelte. Hinein, ein paar Meter weiter wieder hinaus. Einen Blick auf das Pub des Captain Kidd. Der berühmteste Pirat hier. Auch hier fanden wir wieder ein sehr, sehr altes Pub. Bei Betreten sollte man wohl schon beim Einatmen ein paar Promille eingeflößt bekommen. Doch das war uns zu früh am Morgen. Hinter einer weiteren Ecke konnten wir auf die Themse blicken. Das Lieblingsfolterinstrument unseres Reiseleiters war leider nicht mehr zusehen. Dafür aber die verrosteten Ringe an der Mauer. Hier wurde die Piratencrew befestigt, nachdem man sie in Teer getunkt hatte. Ihnen drohte der Tod durch ertrinken, bei stetig steigendem Wasserpegel der Themse. Der Captain hatte einen schnelleren Tod: Er wurde gehängt.

Greenwich; Cutty Sark

Unsere Verabschiedung von den Docklands war hingen viel schöner. Wir wurden mit dem Bus noch ein paar Meter durch die Gegend gefahren. Dann erreichten wir das, was aussah wie das Frankfurter Börsenviertel, nur viel, viel größer. Gläserne Häuser, Hochhäuser, die Straßen blitzblank geputzt, Polizisten an den Eingängen des Viertels. Hier gab es überall etwas zu sehen. Mit staunenden Gesichtern schauten wir uns das ganze Geglitzer an. Nachdem wir auch dieses Viertel hinter uns gelassen hatte, kamen wir nach Greenwich. Hier bot sich erst einmal gar nichts. In einem Park versammelten wir uns wieder und schauten auf das Wasser der Themse. Der Reiseleiter gab bekannt, was es hier alles zu sehen und zu bestaunen gab. Das Nullmeridian, direkt da auf der anderen Seite.

Als wir uns an das helle Licht auf der anderen Uferseite gewöhnt hatten, erblickten wir das riesige Schiff, welches vor uns an Land lag. Die Cutty Sark.  Schick sah es aus, der Dreimaster. Majestätisch in die Höhe gereckt. Ich konnte die Piraten förmlich darauf entlang spazieren sehen. Die schwarze Nase, die weiße Frau die ihre Arme weit nach vorne streckte. Keine Zeit zu verlieren! Wir wollten noch viel sehen. Unsere Gruppe löste sich hier sowieso gerade auf. Also ab zur nächsten U-Bahn Station. Eine Karte gekauft und hinein in die Bahn, die gar keine U-Bahn war. Sie fuhr oberhalb der Erde und direkt durch das Bankenviertel hindurch. So hatte sich das Ticket wenigstens gelohnt. Nach dem Umsteigen kamen wir endlich am Ziel an.

Big Ben; Neujahrsparade

Wir stolperten mit dem Strom hinaus auf die Straße und ein alter Bekannter stand direkt vor uns: Der gute alte Big Ben. Er begrüßte uns. Im Sonnenschein so wunderbar glänzend und pompös wie ein König. Klein sah er nun gar nicht mehr aus. Wir registrierten, dass die Straße auf der wir nun standen immer noch gesperrt war. Warum? Die Neujahrsparade! Wir quetschten uns zwischen die Menschen und beobachteten die lustig, freudig umherhampelnden Cheerleader und andere Gestalten. Doch schon bald kam und das ganze eher wie ein Schützenumzug vor und so strömten wir mit der Masse am House of Parlament vorbei, bis wir in einem kleinen Park standen (-verhältnismäßig klein versteht sich). Da wir eigentlich den Hyde Park gesucht hatte, drehten wir schnell wieder um. Wieder am Big Ben vorbei. Unzählige Fotos von ihm und der Westminster Abbey auf der andern Seite geschossen. Nun standen wir wieder an der Absperrung der Parade, die die Stadt in zwei Hälften teilte. Wie eine abenteuerliche Aktion kam es uns vor. Es bliebt uns jedoch nichts anderes über. Um in den Hyde Park zu gelangen, mussten wir auf die andere Seite.

Buckingham Palace; St. James Park; Trafalger Square

Unser Hunger war zum Glück nicht so groß und der Buckingham Palace nicht mehr weit. Dachten wir. Mit einem neuen Blick auf die Karte, wurde uns ziemlich schnell klar, dass wir schon wieder falsch gelaufen waren. Nun aber endlich die richtige Richtung, bitte! Links abbiegen, immer weiter durch die Gegend. Immerhin war die Parade beendet und die Absperrungen wurden wieder aufgehoben. Die ganzen Straßen sahen wie verwüstet aus. Überall Müll, weil es so selten Mülleimer gab. Alle paar Meter fuhr stattdessen ein kleines Reinigungsfahrzeug und saugte den ganzen Kram auf. (Ob die viel Geld dabei einsammeln?) Wir liefen nun ein paar Stufen hinunter, direkt auf die Mall. Hier hörten wir einen Vater mit seinen Kindern sprechen. Wie der Zufall es so wollte, wollten die drei auch zum Buckingham Palace. I follow. We follow. Immer hinterher. Der Herr hatte leider einen ziemlich krassen Schritt drauf und wir verloren ihn aus den Augen, nur um ihn kurze Zeit später fotografierend wiederzufinden. Doch dann entdeckten wir den St.James Park. Wie wir ihn erkannten? An den Eichhörnchen. Ja, tatäschlich. Sie saßen überall. Auf den Wegen, auf den Bäumen, dem Gras. Dicke, graue Eichhörnchen. Riesige Viecher. Alle waren am futtern.  Wir waren ganz hingerissen von ihnen.  Es wurden unzählige Fotos geschossen, etliche Leute versuchten die Tiere zu füttern. Da waren die Gänse und Tauben nun wirklich nicht so spannend dagegen. Ob das wieder ein Streich der Queen war? Ausgesetzte zahme Hörnchen?

Und endlich, nach ungefähr 15 Kilometer Umweg, waren wir auch endlich am Buckinham Palace angekommen. Auch hier tummelten sich die Leute mit ihren Kameras. Sie steckten sie durch die riesigen Tore, um Fotos von den Guards zu machen. Zwei kleine, ja gar winzige Männer standen in weiter Entfernung. Beide grau gekleidet anstatt rot. Ihre Hüte wie festgeklebt. Sie marschierten gerade synchron von rechts nach links, von links nach rechts. Nach ein paar Minuten standen sie wieder still am Anfangspunkt. Ist das alles? Wo sind die Guards in rot? Wir waren extra für ein Foto mit ihnen hier her gekommen und nun standen diese beiden dort in 2 Kiliometer Entfernung, hinter dicken Toren. Wow. Was für eine Verarschung. (Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass man IN den Buckingham Palace HINEIN muss, um die Guards ärgern zu können. Mann, mann, mann. 

Richtung Guards Museum (das zu hatte! Unfassbar..), liefen wir die rote, breite Straße am St.James Park zurück. Mit hängenden Köpfen und schweren Beinen, leeren Mägen und müden Köpfen schlurften wir zum Big Ben zurück. Hier wurde uns erst richtig bewusst, was für einen Umweg wir gelaufen waren. Immerhin war es jetzt nicht mehr weit bis zum Trafalger Square.

Themse; London Eye;

Glücklich, aber immernoch müde, machten wir uns gegen 18 Uhr auf den Weg. Wir durchstöberten alle Touristenläden am Trafalger Square (12 Postkarten für 1 Pfund, juhu!). Schon in Paris hatten wir immer wieder den starken Kontrast von totaler Übermüdung zu plötzlicher Überdrehung erlebt und auch das war nun wieder der Fall. Lachend, aus sinnlosen Gründen, liefen wir die Straße entlang, mit Ziel auf das London Eye. Nur noch die Brücke überqueren. Mittlerweile sprachen wir sogar schon Englisch. Oben auf der Brücke verschlug es uns jedoch jegliche Sprachen.

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Wir schauten auf die Themse. Dunkel, wie ein Fluss aus schwarzer flüssiger Seide, floss sie unter uns dahin. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in ihr. Meine Augen wussten nicht wohin sie zuerst gucken sollten. Links das Ufer mit dem blauen London Eye, oder doch lieber rechts mit dem hell erleuchtetem House of Parliament und dem Big Ben. Warum waren wir nicht früher auf die Idee gekommen uns abends auf eine Brücke zu stellen?! Jetzt wollten wir erst recht nicht mehr aus dieser Stadt verschwinden. Diese Stadt mit den vielen Sehenswürdigkeiten, mit all dem Lärm, den kleinen Überraschungen und den wundervollen Augenblicken. Schweigend überquerten wir die Brücke. Ein Abschiedsgedanke schon im Hinterkopf. Immer wieder ein Blick zum Big Ben, zum London Eye. Hinter dem Karussell wuchs es empor. Jetzt endlich standen wir direkt davor. Die Gondeln des Riesenrads bewegten sich kaum. Die blaue Farbe ein Blickfang. Auf einem Monitor war ein Panoramavideo aus den oberen Kabinen gezeigt. Und plötzlich wollte ich doch mitfahren. Ich wollte einsteigen und all die bunten, glitzernden Lichter sehen. All die Farben im Dunkeln. Doch nun war es zu spät. Die Schlange noch immer lang. Mit traurigen Blicken lösten wir uns vom Rad, mit der Musik des Straßenmusikers in den Ohren, liefen wir nun duch den Jubilee Garden. (Der aussah wie das Auenland nur ohne Hobbits. Dieses Grün immer…)

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Lichterfahrt; Leadenhall Market

Wir rumpelten los zur Lichterfahrt. Hinein in die beleuchtete Stadt an dem schwarzen Fluss.
Viel kann ich davon nicht mehr wiedergeben. Unser erste Stopp war zumindest an einer breiten Straße. Hier sollten wir uns die Winkelgasse aus den Harry Potter Filmen anschauen. An Häusern vorbei, an denen die Strom- und Wasserleitungen an der Außenfront waren und nicht, wie gewöhnlich im Inneren, ging es um viele Ecke. Und plötzlich standen wir mittendrin –  Leadenhall Market. Fantastisch schön. Wenn man sich die bunte Weihnachtsbeleuchtung, so wie den Tannenbaum in der Mitte wegdachte, kam es der Winkelgasse schon nahe. Als Harry Potter Fan fühlte ich mich hier richtig wohl. Das Beste: Nur ganz wenig andere Menschen waren am Herumstromern. Wir hatten noch kurz Zeit um uns umzuschauen. Das hohe gewölbte weiße Dach, die Fassaden in weiß, rot und grün. Fehlte nur noch der Zauberstab, den ich auf Platform 9 ¾ vergessen hatte. Ich schlich um die Ecken wie eine Katze, um ja die Atmosphäre nicht zu zerstören.

Nach einem kurzen chinesischen Fotostopp an der Tower Bridge (über die wir dann auch endlich mal drüber fuhren), erzählte sie eine neue Geschichte vom Harrods. Hell erleuchtet, unzählige Lichter an der Fassade. Wie ein Leuchtturm wies es uns den Weg. (Auch hier kurzer Stopp, an dem ich mittlerweile schon zu faul war um auszusteigen.) Sie plauderte und plauderte und tatsächlich vergingen die 2 Stunden wie im Flug. Am London Eye zurück warf sie uns aus dem Bus und wir warteten, bis wir in unsere alte Kiste einsteigen konnten.

Und tatsächlich: Die Rückfahrt verging wie im Flug. Auf der Fähre wurde, mit dem Kopf auf der Tischplatte, ein Nickerchen gehalten. Als ich kurz wach wurde und mich verschlafen umschaute, hätte ich am liebsten ein Foto geschossen. Alle Passagiere um uns herum lagen mit den Köpfen auf den Tischen und schliefen. Wäre ich nicht so müde gewesen, hätte ich gelacht. (Das tat ich dann im nachhinein noch.)
Als wir zurück in Deutschland waren, überkam mich das dringende Bedürfnis umzukehren und zurück nach London zu fahren. Der ganze Stress kam wie eine Flutwelle auf mich zu. Ich wäre ihr nur entkommen, wenn ich zurück in diese fantastische, grandiose, sehenswerte Stadt zurück flüchten hätte können. Keine Chance, doch mein Plan ist es, so schnell wie möglich wieder umzudrehen. See you soon, London!

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